Mai
2015

Radreise Usbekistan

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Auszug aus dem Reisetagebuch

Ankunft in Taschkent

Wie so oft gestaltet sich die Fahrradmitnahme im Flieger nicht ganz unproblematisch. Nach zähen Verhandlungen mit dem Bodenpersonal von Usbekistan Airways sind sie bereit gegen eine Gebühr von 150€ mein Fahrrad dann doch mitzunehmen. Es scheint als ob, die Fahrradmitnahme nach Usbekistan noch Neuland ist. Nach einer halben Ewigkeit ist das Rad unter den wachsamen Augen der Sicherheitsbeamten endlich verpackt und ich darf in den Flieger einsteigen. Der Flug verläuft ausgesprochen ruhig und in Taschkent am Flughafen werde ich von unserem usbekischen Radreiseführer Sokir erwartet. Sokir spricht perfektes Deutsch, da er einige Jahre in Deutschland gelebt hat. Seine Nebentätigkeit als Reiseleiter bringt ihm ein ordentliches Zubrot zu seinem normalen Lehrerjob. Gemeinsam mit einem Fahrer bringt er mich in ein Hotel im Stadtzentrum. Über der Rezeption hängen die aktuellen Uhrzeiten von Moskau bis Peking. Welcome to Central Asia! In der Lobby treffe ich auf meine beiden Mitfahrerinnen Ursula und Simone. Abends lerne ich den Rest unserer sechsköpfigen Reisegruppe kennen. Neben Simone und Urusla Damen ist da noch Karl und seine Tochter. Gemeinsam nehmen wir auf der Außenterrasse des Hotels bei angenehmen Abendtemperaturen eine Maultaschensuppe zu uns und trinken ein kaltes Bier. 

Stadtexkursion Taschkent

Früh höre ich das Rufen des Muezzins, der laut an die Frömigkeit der Gläubigen appeliert. Das Frühstück fällt ungewohnt deftig aus: Spiegeleier mit fettiger Wurst und ein Crepe als Nachtisch. Anschließend fahren wir mit Sokir ins Stadtzentrum und besichtigen das Kaffal-Schaschi-Mausoleum. 

Die türkisblauen Kuppeln harmonieren schön mit dem tiefblauen Himmel. Die Anlage liegt inmitten eines schön gestalteten grünen Parkes. Aufgrund des Erdbebens von 1977 wurde hier fast alles komplett zerstört und musste wieder neu aufgebaut werden. Die Fassaden des Mausoleums sind mit fein verzierten Keramikkacheln bedeckt. Wir laufen weiter zur Kukeldash-Medrese, die auch heute noch als Koranschule dient. Aktuell wohnen hier etwa 20 Studenten, die in der Koranlehre ausgebildet werden. Der großzügige begründete Innenhof mit den rundumlaufenden Arkadengängen bietet einen angenehmen Schutz vor den unbamherzigen Mittagstemperaturen Zentralasiens. 

Danach führt uns Sokir weiter vorbei an der beeindruckenden Freitagsmoschee der Hauptstadt zum Zentralmarkt der Stadt. Der riesige Markt ist in einem futuristsich anmutenden Kuppelgebäude untergebracht und stellt einen der größten Bazare der Seidenstraße dar. In der Fleischabteilung lagern riesige Fleischstücke in gigantischen Kühlschränken. Neben Fleisch findet man hier auch eine reiche Auswahl an eingelegten Karotten- und Gurkensalaten. Fasziniert beobachte ich das wilde Marktreiben und schlendere durch die Gemüseabteilung, wo sich Berge von unterschiedlichsten Kartoffelsorten neben riesigen, extrem wohlriechenden, Erdbeeren stapeln. Marktfrauen in leuchtend bunten Seidenkleider preisen lauthals ein breites Spektrum an frischen Kräutern an. Dann erreiche ich die Gewürzabteilung des Bazars und bin fasziniert von den feinen Geruchsnuancen der verschiedensten Gewürze. Neben Gewürzen gibt es hier auch allerlei Nüsse und Saaten zu kaufen. Überall werde ich äußerst freundlich von den Standbesitzern angesprochen und darf allei Köstlichkeiten probieren. Weiter folge ich dem Wirwarr an kleinen Gässchen, vorbei an Ständen voller chinesischer Billigkleidung. Der Duft von frisch gerillten Schaschlikspießen lässt mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Jetzt komme ich an den Ständen der Bäcker vorbei, wo das frisch gebackene runde Fladenbrot angespriesen wird. Jeder Bäcker hat sein eigenes Muster, womit er die Oberseite des Brotes verziert.

Hier treffe ich wieder auf die anderen und wir nehmen ein Minibus, der uns in ein schattiges Gartenrestaurant am Ufer des Chirchiqs bringt. Bei lecker gewürzten Schaschikspießen erzählt und Sokir, dass er mit 29 Jahren von seinen Eltern „verheiratet“ wurde. Laut ihm ist diese Praxis in Usbekistan noch immer sehr üblich. Oft erstellen die Eltern eine Art Hitliste mit ihren eignen Vorstellungen in Bezug auf die perfekte Ehefrau und schicken dann sogennante Anwerber zu den Familien der Frauen. Der Anwerber bringt meist eine großen Korb mit Köstlichkeiten vorbei und liefert dann eine metaphorisch angereicherte „Anfrage“. Etwa eine Woche später erfolgt dann ein Treffen der beiden Familien indem dann Weiteres beredet wird. Bei Nichtgefallen wird der Korb dann zurückgegeben. Daher stammt wohl auch das Sprichwort „jemandem den Korb geben“. Endlich verstehe ich jetzt auch die Anspielung meines usbekischen Komilitonen in Trier der gerne episch darüber sprach, dass er mittlerweile ein „gesamtes Korbzimmer besäße“. Falls die Familien zu einer Übereinkunft kommt, wird dann die Hochzeitsfeier geplant, auf welcher nicht selten mehr als 1000 Gäste eingeladen werden. Der Brautpreis sollte mindestens 40 Kleider umfassen. Am Abend der Hochzeitsnacht kommt dann der Imam und verheiratet das Paar. Ab diesem Zeitpunkt gehört die Frau dem Manne und sie muss ihn um Erlaubnis fragen, wenn sie das Haus verlassen möchte. Nach der Hochzeitsnacht muss das blutige Bettlacken dann gut sichbar aus dem Fenster gehängt werden, um die Keuschheit der Braut zu zeigen. Ein nicht blutbeflecktes Lacken führte zur Verdammung der Frau aus der Ehe. 

Anschließend fahren wir zum Mustaqillik Maydoni (Unabhängigkeitsplatz) der Stadt, der an die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erinnern soll. Nicht weit entfernt, steht auf einem erhöhten Sockel die imposante Statur von Amir Temur. Der als Volsheld geltende Militärführer hat im 13. und 14.Jhd. ein imposantes Imperium in Zentralasien aufgebaut. Am Ende des Pweitläufigen platzes steht das große, in Plattenbausweise errichtete „Hotel Usbeskistan“.

Nach dem Abendessen laufen wir zum Bahnhof, dort wartet bereits der Nachtzug nach Buchara. Wir zerlegen unsere Räder in Einzelteile und quetschen diese in die winzigen Gepäckablagen über unsere engen Schlafkojen. Das Interior lässt Assoziationen mit dem Orientexpress aufkommen. Die langen Zugänge sind von reich verzierten Orientteppichen geschmückt und in jedem Abteil gibt es einen überdimensionierten stark verzierten Teekocher. Gemeinsam mit Sokir teile ich mir ein Abteil. Der Zug setzt sich stark rukkelnd in Bewegung und wir rollen hinaus in die unendliche Weite der nächtlichen Steppenlandschaft Zentralasiens. Sokir berichtet von seinem Lehrerjob, der ihm bei 25 Stunden Unterricht gerade einmal etwa 500 € einbringt. Mit seinem Land in seinem Dorf verdient er viel mehr als in seinem Beruf.

Ankunft in Buchara

Laute persische Klänge tönen durch die Lautsprecher des Zuges und ein Schaffner weckt uns freundlich mit heißen Tee. Vor den Fenstern des Zuges zieht die weite Agrarlandschaft von Buchara vorbei und kündigt die baltige Ankunft an. Dort verlassen wir den Zug und bahnen uns den Weg vorbei an dem Wirrwarr an Taxifahrern, die alle lauthals um Kundschaft werben. Ein Minbus bringt uns durch ein enges Wirrwarr an Gässchen in die Altstadt zu dem Hotel „chez Helena“. Hinter der wenig schmucken Außenfassade des Hauses versteckt sich ein schöner schattiger Innenhof. Wir nehmen Platz auf einer erhöhten und überdachten Seitenterrasse und lassen uns auf die bequemen Sitzteppiche nieder. Wie so üblich wird hier im Sitzen oder im Liegen gegessen. Die Dame des Hauses serviert uns köstliche selbstgemachte Kirsch, Pfirsich und Feigenmarmelade mit frisch gebackenem Brot. Außerdem bringt man uns Omlett mit frischen Tomaten und Speck. Die Kaffeetrinker schweben im siebten Himmel, da man uns sogar eine Tasse Instantkaffee serviert. 


Im Anschluss gehen wir auf eine Stadterkundung und besichtigen zuerst das Ismail Samani Mausoleum. Das Mausoleum ist eine Art Zentralbau, der einen Würfel mit leicht geneigten Flächen und halbkugelförmiger Kuppel gleicht. Die aus gerösteten Ziegeln und Alabastermörtel gemauerten fast 1,5 Meter dicken Wände sind extrem reich verziert. Anschließend schlendern wir weiter zum Bazar und beobachten das quirlige Marktleben. Hier probieren wir schmackhafte Sesamsüßspeisen allerei Gewürze und andere Köstlichkeiten. Danach laufen wir hinüber zur Bolo-Hovuz-Moschee, die an einem breiten Wasserbecken liegt. Das Becken sorgt für eine angenehme Abkühlung, in den bereits frühmorgendlich hohen Temperaturen. Der imposante Vorbau der Moschee wird von reich verzierten hohen Holzsäulen getragen. 

Danach laufen wir hinauf zur Zitadelle und genießen den weiten Ausblick über die von unzähligen türkisen Kuppeln und Minareten gespikte Dachlandschaft von Buchara. Ein orientalischer Traum! Die Hitze ist mittlerweile kaum noch aushaltbar und wir verziehen uns daher auf die schattige Terrasse eines Restaurants. Nach einer Stärkung laufen wir weiter zum Poi Kalyan Platz, dem Zentrum der Altstadt. Der Platz wird überthront von der imposanten Kalyan Moschee. Das eindrucksvolle Hauptminaret erreicht fast 45 Meter. Die Fassade des mächtigen Hauptportals ist unglaublich reichhaltig mit orientalischen Fresken verziert. Das intensive Blautürkis der Kuppel dominiert die Dachkonstruktion der Anlage. Beim Anblick des aus mehr als 200 Säulen bestehenden Innenhofes verschlägt es mir fast den Atem.

Danach führt uns Sokir in eine Teppichfabrik, wobei es sich hierbei wohl eher um ein touristisches Vorzeigeprojekt zu handeln scheint. Im gut klimatisierten Innenraum serviert man uns Tee und präsentiert uns die berühmten Teppiche aus Buchara. Wir beobachten die meist jungen Frauen bei der Arbeit am Webstuhl. Die Verkäuferin erzählt uns stolz, dass die meisten von ihnen unverheiratet seien, damit sie sich besser auf die Arbeit konzentrieren könnten. Sie arbeiten etwa 8 Stunden pro Tage bei sechs Tage die Woche und verdienen zwischen 200-1000 €, je nachdem wieviele Teppiche sie schaffen. Um einen einzigen Teppichknoten zu erstellen muss die Hand in jeweils acht unterschiedliche Richtungen bewegt werden. Die teuersten Teppiche besitzen etwa 280 Knoten pro cm² und kosten etwa 10.000 €. Ein Mädchen arbeitet etwa acht Monate an einem 180 x 100 Meter großen Exemplar. Anschließend erklärt man uns die Unterschiede zwischen den Baumwoll, Seiden und Kamelhaarteppichen. Die Kamelhaarteppiche wurden früher meist auf den Karawanen genutzt, da die Insekten den Geruch der Kamele nicht ausstehen konnten und lieber fern blieben. Außerdem bietet Kamelhaar eine deutlich höhere Wärmeisolation bei den kühlen Wüstennächten. 

Nach einer Siesta im Hotel laufen wir durch die abendlichen Straßen der Altstadt. Im Gegensatz zu heute Mittag sind die Temperaturen jetzt viel angenehmer und das abendliche Licht taucht speziell die Moscheen in ein ganz besonderes Licht. Auf den Straßen geht es jetzt deutlich geschäftiger zu und man hat den Eindruck, dass das Leben mit dem Einzug der Dämmerung erst richtig zu pulsieren beginnt. Auf einer aussichtsreichen Dachterrasse genießen wir den farbenfrohen Sonnenuntergang über der Altstadt von Buchara.

Buchara – Gishduwan (70 km)

Gegen 8 Uhr sitzen wir auf den Räder und verlassen über die staubigen Pisten die Altstadt. Entlang mehrerer imposanter Kreisverkehre verlassen wir die Stadt. Die Strecke verläuft durch eine weite monotone Agrarlandschaft. Auf den weiten Baumwollfeldern stehen die noch zarten Pflanzen und einige Feldarbeiterinnen sind mit der Spitzhacke bei der Feldarbeit. 

Immer wieder werden wir überholt von wild qwalmenden alten russichen LKWs, die voll gepackt sind mit unterschiedlichsten Baumaterialien. Es herrscht kaum Wind und aufgrund der geringen Steigung und den noch angenehmen morgendlichen Temperaturen kommen wir flott voran. Einige Kinder machen sich ein Spaß daraus ein Stück bei mir auf dem Gepcäkträger mitzufahren. Gegen Mittag machen wir in einer kleinen Ortschaft in einem Teehaus eine Mittagspause. Man serviert uns ein vorzügliches Schaschlik mit Kartoffelpüree und Gurkensalat. Der Chef des Hauses lässt anschließend einige Teppiche unter einem schattigen Vordach ausrollen und wir dürfen eine erholsame Siesta machen. Ein Junge ist sehr interessiert an uns und möchte gerne meine Kamera ausprobieren. Er schießt einige Fotos von uns und den Männern im Teehaus. Kurze Zeit später kommt dann seine Schwester und bittet mich die Fotos auf ihren Laptop zu überspielen. Anschließend mache ich noch ein Fotoshooting mit einigen älteren Herren im Teehaus und präsentiere ihnen später die Fotos auf dem Laptop. Das ganze Teehaus hat ein riesen Spaß und wir finden kaum ein Ende. Plötzlich schreit eine ältere Dame, die vor dem Teehaus vorbeispaziert laut auf, und wir beobachten wie sie von einer riesigen Wespe gestochen wird. Die Frau sinkt zu Boden und beginnt schwer zu atmen. Wie eilen ihr zu Hilfe und Simone kann ihr mit einer Antiallergietablette und einer kühlenden Salbe schnell helfen.

Gegen 15 Uhr schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren in einer gefühlten Zeitlupe durch die glühend heiße Mittagshitze. Intensiv strahlt der schwarze Asphalt die unbarmherzige Hitze zurück. Plötzlich werde ich von einem jungen Mann in einem Pick-up Truck wildhuppend von der Straße an den Seitenstreifen gedrängt. Sokir erklärt mir daraufhin, dass einige der jungen Männern in den Dörfern sich häufig einfach einen Führerschein kaufen würden. Eigentlich könnten sie jedoch gar nicht wirklich Autofahren. Sehr beruhigend! Passagenweise ist die Straße gar nicht gepflastert und der trockene Staub setzt auf unseren Schleimhäuten ab. Nur wenige Augenblicke nachdem ich einen Schluck aus meiner warmen Wasserflasche genommen habe, ist mein Mund wieder komplett ausgetrocknet. An das Radfahren in dem hochariden kontinentalen Klima Zentralasiens muss man sich wirklich erst einmal gewöhnen!


Gegen 16:30 Uhr machen wir eine Kaffeepause im Schatten unseren Begleitfahrzeuges. Irgendwie kann ich mich mit dem Konzept des uns ständig folgenden Begleitfahrzeug nicht wirklich anfreuden. Aus meiner Sicht stört es eher als ein wirklichen Nutzen zu bringen. Bei Instantkaffee und Keksen erzählt Sokir, dass zur Zeit viele der Grenzen zu den Nachbarländern geschlossen sind und die Kontrollen der Warentransporte sehr streng ausfallen. Für die Usbeken ist dies laut Sokir sehr schwierig, da viele Familienmitglieder in den Nachbarländern arbeiten und es viele wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen gibt. Anschließend radeln wir noch die letzten 25 Km der heutigen Etappe bis nach Gishduwan. Dort kommen wir in dem Haus vom Töpfermeister Abdullah Aka unter. In seinem schattigen Innenhofe begrüßt er uns freundlich mit heißem Tee und gesalzenen Pfirsichkernen. In einigen Regalen präsentiert er seine reich verzierten Töpferwaren. Nach einer erfrischenden Dusche und einem leckeren Abendessen spielt uns der Hausherr noch einige Lieder auf einem usbekischen Saiteninstrument vor. 

Gishduwan – Beschrabat (70 km)

Zum Früchstück servieren uns die Töchter des Töpfermeisters warmen Milchreis mit selbstgemachter Erdbeermarmelade. Gegen 8 Uhr sitzen wir auf den Rädern und wühlen uns durch das morgendliche Verkehrschaos. An die eher rücksichtslose Fahrweise muss ich mich erst einmal gewöhnen. Ständig nimmt man uns die Vorfahrt und drängt uns von der Fahrbahn ab. Fahrradfahrer sind hier das letzte Glied in der Verkehrshierachie.

Etwa fünf Kilometer hinter der Stadtgrenze nimmt der Verkehr schlagartig ab und die Landschaft öffnet sich zu einer unendlich weiten Steppenlandschaft, die allmählich in eine Wüste übergeht. Die Weite und Stille der Steppenlandschaft Zentralasiens ist für uns Mitteleuropär wirklich kaum vorstellbar. Für Stunden radeln wir ohne eine Veränderung am Horizont zu beobachten. Außer dem seichten Rauschen des Windes und des Rollens des Fahrradreifens höre ich absolut nichts. Faszinierend diese Stille! Die Aufmerksamkeit kann sich jetzt komplett nach Innen richten und der Gedankenstrom kann frei fließen.


Ab und zu begegnen wir einzelnen Familien auf Eselkutschen oder ältere Männer, die auf klapprigen alten Sowjetfahrrädern uns entgegenkommen. Gegen Mittag erreichen wir die kleine Ortschaft Kanimekh, wo wir in einem einfachen Restaurant ein Mittagessen zu uns nehmen. Etwas überrascht und amüsiert über den plötzlichen Einfall einer europäischen Radgruppe bittet man uns in ein kleines Hinterzimmer. Aus dem Fenster beobachten wir eine Gruppe uniformierter Polizisten, die in aller Seelenruhe ein kleines Nickerchen auf den Teppichen der Außenterrasse machen. Man serviert und köstliche Schaschlikspieße und nachdem die Polizisten ihre Siesta beendet haben, dürfen wir auf die Teppiche auf der Außenterrasse. Die Mittagstemperaturen sind kaum noch auszuhalten und schnell versinken wir in einer tiefen Mittagslethargie. Tausende von Fliegen tanzen um und herum, Tauben lucken immer wieder vom Blechdach der Terrasse auf uns hinab. Die Köchinnen kommen aus der Kücher hervor und stecken interessiert die Köpfe zusammen und tuscheln über die „Neuankömmlinge“. Nach einiger Zeit trauen sie sich näher an uns heran und setzen sich zu uns und wir unterhalten uns ein wenig. Plötzlich betritt ein junger Mann die Gaststätte, der eine komplette Rinderhälfe hinter sich herschleift. Während das neugelieferte Fleisch vor unseren Augen zerteilt wird, übertreffen sich die Köchinnen und der Mann mit Witzen. 

Nach der fast dreistündigen Siesta schwingen wir uns wieder zurück auf die Räder. Die Strecke durchquert jetzt eine grüne, stärker agrarwirtschaftlich geprägte Region. Schöne kleine Dörfer liegen inmitten der von großen Bewässerungsgräben gespeisten Landschaft. Alte sowjetische Traktoren rosten vor den Höfen vor sich hin. In einem der Dörfer treffen wir auf den 25 Jahre alte Azin. Der im feinen Anzug gekleidete junge Mann spricht uns freundlich im perfekten Englisch an. Er arbeitet in der Dorfschule als Englischlehrer und führt uns in das Haus seines Vaters. Wir schieben unsere Räder auf den, von dichten Weinreben überrankten, schattigen Innenhof des Hauses. Im Wohnzimmer bittet er uns es auf den ausgerollten Teppichen und Kissen bequem zu machen. Zwei gemächlich kauende Kühe stehen tiefenentpannt im grünen Weizen neben der Latrine. In dem kleinen Waschhaus waschen wir uns mit kaltem Wasser nacheinander den feinen Staub von der Haut. 

Anschließend laufen wir durch das Dorf und besichtigen noch einen anderen Hof. In einem Schuppen besuchen wir die Seidenraupenzucht. Auf einem überdimensionierten Tisch liegen die ausgebreiteten Maulbeerblätter und tausende von kleinen Raupen sind bei der Arbeit. Nachdem sich die Raupen sattgefressen haben und etwa drei Zentimeter lang sind, bauen sie sich ein Kokon und hängen sich in das Gebälk des Schuppens. Nach etwa zehn Tagen werden die Pupen dann mit heißem Dampf getötet und der Seidenfaden vorsichtig gelöst. Als wir aus dem Schuppen wieder heraustreten hat sich mittlerweile das halbe Dorf auf dem Hof versammelt. Alle wollen die Neuankömmlinge kennenlernen. Die Großmutter des Hauses bringt als Symbol der Gastfreundschaft ein frisch gebackenes Brot und bricht mit Ursula, der ältesten Mitreisenden unserer Gruppe, gemeinsam das Brot. Auf dem Rückweg zu Akins Hof werden wir umringt von seinen Schülern, die alle ganz stolz ihre Englischkenntnisse präsentieren. 

Zurück im Hof führt uns der Vater in sein Wohnzimmer und bittet uns es auf den ausgerollten Teppichen und Kissen bequem zu machen. Außer einer massiven Eichenwohnwand und eines kniehohen Tisches ist das Wohnzimmer komplett leer. Die Familie schläft und ißt auf den ausgerollten Teppichen und daher braucht es nicht viel mehr an Möbeln. Man serviert uns uns einen schmackhaften Eintopf aus Kartoffeln, Möhren und zartem Rindfleich, dieses Gericht ist in Usbekistan unter dem Namen „Dimlama“ sehr beliebt. Nach dem Essen werden wir plötzlich umringt von Akims Schülern, die alle ganz wild darauf sind, sich mit uns auf Englisch zu unterhalten. Akim erklärt uns, dass dies ein sehr speziller Event für seine Schüler seie, denn in seinem nur knapp 2000 Einwohner starken Dorf würden nur sehr selten Fremde vorbeikommen. Stunden später wird der Esstisch zur Seite gestellt und man bereitet uns ein Nachtlager.

Teppiche werden ausgerollt und jeder bekommt ein rundes Nackenkissen. Im Wohnzimmer schlafen die Männer während die Frauen in einem anderen Zimmer im Nebengebäude untergebracht werden. Der nächtliche Gang zur nur schwach illuminierten Außenlatrine wird zu einem waren Spießrutenlauf. Im nur durch den Mondschein illumienierten Wohnzimmer liegen überall schlafende und teilweise wild schnarchende Männerkörper auf den Teppichen und ich muss extrem aufpassen, dass ich nicht über sie falle. 

Beschrabat – Nurota (65 km)

Gegen 6 Uhr weckt mich das laut Symphonieorchester der vielen Hähne. Akim und ich setzen uns auf die Terrasse und tauschen unsere Erfahrungen in Sachen Englischunterricht aus. Zum Frühstück gibt es frisches Brot mit selbstgemachter Marmelade. Anschließend bedanken wir uns ausgiebig bei Akim und seiner Familie für die große Gastfreundschaft und schwingen uns auf die Räder.

Die Straße durchquert eine endlose Grassteppe. Ab und zu kommt ein Auto vorbei, hupt uns zu und wild winkende Hände werden aus den Seitenfenstern gestreckt. Vereinzelte Hirten führen Schafherden durch die weite Steppenlandschaft. Allmählich steigt die Strecke an und wir kommen in die Ausläufer der Karatau-Gebirges. In der Sowjetzeit wurde hier verstärkt Phosphat abgebaut. Die steilen Hänge sind karg und bieten wenig Abwechslung. Beim Aufstieg zum etwa 800 Meter hoch gelegenen Pass werden wir wieder mit der unbarmherzigen Intensität der zentralasiatischen Sonneneinstrahlung konfrontiert. Von der Passhöhe aus bietet sich uns ein faszinierender Ausblick über das endlose Meer der Grassteppe. Unser Fahrer empfängt uns mit heißem Tee und einigen Keksen und wir genießen den seichten Windzug auf der Höhe. 

Danach lassen wir uns hinabrollen in die endlose Weite der Nuratawüste. Leider entpuppen sich die nächsten 10 Km doch als deutlich anstrengender als gedacht, da wir gegen einen heftigen Gegenwind ankämpfen müssen. Zusätzlich bräht uns die gnadenlose Mittagshitze den Schädel weg und wir schaffen es kaum noch uns auf die endlose Fahrbahn zu konzentrieren. An einer schattigen Allee aus Eucalyptusbäumen ruft Sokir zur Mittagsrast. Schnell werden einige Teppiche ausgerollt und der Kocher in Betrieb genommen. Innerhalb von wenigen Minuten ist die Luft geschwängert von den Düften von frischem Lammfleisch. Jeder von uns bekommt einen schmackhaften Lammspieß, eine riesige rohe Zwiebel und ein Stück Brot serviert. Nach der Stärkung fallen wir in die übliche Mittagslethargie und ich lauschen dem seichten Rauschen der Blätter im Wind. Die Zeit steht komplett still. 

Erst gegen 16 Uhr erheben wir uns allmählich trotz der immer noch unsäglich hohen Temperaturen. Aber sobald wir auf dem Rädern sitzen sorgt der Fahrtwind doch für eine gewisse Abkühlung. Immer weiter geht es durch die endlose Steppenlandschaft. Gegen Abend erreichen wie die breiten Straßen der Oasenstadt Nurota. Überall hat sich hier der feine Wüstensand abgesetzt. Nach wenigen Kilometern erreichen wir das Haus unserer Gastfamilie. Im schattigen Innenhof serviert man uns abends eine schmackhafte Suppe mit Maultaschen und ölige Pommes Frites. Anschließend werden wir von der Hauseigentümerin auf eine Art Verkaufsveranstaltung eingeladen, in der sie uns diverse feine Stickereien präsentiert. Glücklichweise kann ich mich nach einiger Zeit auf meinen „Nachtteppich“ zurückziehen und noch etwas lesen. Trotz des wild brummenden Kühlschranks und des lauthals schnarchenden Fahrers, der neben mir auf dem Teppich schläft falle ich schnell in einen komatösen Tiefschlaf.

Nurota – Jurtencamp von Jangikasghan (65km)

Gegen acht Uhr verlassen wir die Unterkunft und folgen einer kleinen Straße hinein in die tiefe Steppe. Ich genieße die Stille und unendliche Weite der Landschaft und finde schnell in einen meditativen Rhythmus. Mitte Mai sind die Steppengräser noch leuchtend grün. Wie es hier wohl in sechs bis acht Wochen aussehen muss wenn der Sonnenstand noch höher ist? Vereinzelt zeigen sich vereinzelte gelbe und rosafarbene Farbtupfer von blühenden Wildblumen in der Steppe. Schäfchenwolken schweben über dem Steppenmeer und verstärken den räumlichen Tiefeneffekt. Nur das Rauschen des Windes und das vereinzelte Zwitschern winziger Singvögel ist zu hören. Schafhirten auf Eseln führen ihre Herden durch die endlose Landschaft. Alte sowjetische Ural-LKWs überholen uns wild qualmend und die Fahrer winken freundlich. Außer regelmäßigen Kilometerschildern gibt es wenig Zeichen menschlicher Infrastruktur. 

Beim Kilometersschild 30 machen wir eine Kaffeepause und essen ein paar Kekse. Doch schnell möchten wir wieder zurück in die Ruhe und Weite der Landschaft. Ich versinke wieder im inneren Flow. Schildkröten überqueren im Schneckentempo die einsame Straße. Bei Kilometer 45 biegen wir auf eine schmale sandige Piste, die kreuz und quer durch die Steppe verläuft. Immer wieder rutscht mir das Vorderrad plötzlich weg und ich kann nur durch Glück eines Sturz vermeiden. Plötzlich werden wir von einem fast zwei Meter großen Varan wild angefaucht. Er steht direkt neben uns in der Steppe und schlängelt wild seine Zunge. Erfürchtig fahren wir an dem alten Steppenbewohner vorbei und radeln weiter in Richtung Jourtencamp. 

Im Windschutz zweier hoher Sanddünen stehen etwa 10 Jourten. Karl und ich teilen uns eine Jourte und sind überrascht über die guten Isolierungseigenschaften der Jourten. Selbst zur heißen Mittagszeit lässt es sich hier gut aushalten. Eine junge Frau aus Taiwan, die seit über acht Monaten auf einer Weltreise unterwegs ist erzählt mir von ihren Erfahrungen in anderen zentralasiatischen Ländern. Nach dem Mittagessen ziehe ich mich in den kühleren Innenraum der Jourte zurück und mache eine ausgedehnte Siesta. Nachmittags machen einige von uns einen Kamelausritt aber ich nutze die Zeit für einen Spaziergang durch die Steppe. Unglaublich wie viele wohlduftende Kräuter hier wachsen. Abends ist das Camp fast gut gefüllt mit einer usbekischen Reisegruppe. Zum Abendessen serviert man uns „Dimlama“ und es steht ein Salatbuffet zur Verfügung. Fasziniert beobachten wir die stark erröteten Gesichter der Teilnehmer der usbekischen Reisegruppe. Ein wahres Feuerwerk an Trinksprüchen kann hier beobachtet werden und der Wodka fließt in Strömen. Nach dem Essen wird ein Feuer entzündet und eine Gruppe lokaler Musiker präsentiert uns einen faszinierenden Einblick in die Klänge Zentralasiens. Über uns funkelt eine unglaublich intensiver Sternenhimmel. 

Jourtencamp – Aydarkul-See (65 km)

Die Nacht in der Jourte wird doch überraschend kühl. Doch schon gegen 8 Uhr hat die gnadenlose Kontientalsonne eine beachtliche Einstrahlungsintensität erreicht. Über die sandige Piste geht es zurück zum Abzweig. Bauschige Cumuluswolken zieren die unendliche Weite des Himmels. Die Strecke folgt einem ständigen Auf- und Ab und wir genießen es die kurzen Abfahrten hinunterzusausen und auf der anderen Seite wieder hinaufzuklettern. 

Auf der einsamen Straße herrscht kaum Verkehr und so können wir die Ruhe und Weite der Nuratawüste wieder voll genießen. Einige Schildkröten überqueren in Zeitlupe die Straße und fühlen sich nur wenig gestört durch uns. Winzige Vögel surren über den leuchtend bunten Blüten der Wüstenblumen. Aufgrund der extremen Weite der Landschaft verliere ich zunehmend das Gefühl für die räumliche Distanz. Sind wir jetzt schon drei Kilometer geradelt oder vielleicht doch schon sieben? Die Landschaft gibt einfach zu wenig Orientierungspunkte. Nach etwa 25 Km stoßen wir plötzlich auf eine Kreuzung. Hier verlassen wir den Asphalt und biegen rechts ab auf einen kleinen Schotterweg. Der Weg führt schnurrgerade vorbei an riesigen Schafherden und an vereinzelten vom Sand eingenommenen kleinen Häusern.


Hinter einer Kuppe taucht dann plötzlich das glitzernde Blau des Aydarkul-Sees auf. Der fast 3600km2 große künstlich angelegete Stausee ist fast 250 km lang und wird von dem Fluss Syrdarja, der aus Kirgisistan stammt, versorgt. Der See ist eigentlich dadurch entstanden, dass ein Staudamm in Kasachstan geöffnet werden musste um eine größere Überschwemmung zu vermeiden. Nun folgen wir der kleinen staubigen Schotterpiste runter zum Ufer des Sees. Dort hat ein junger Mann, der uns bereits erwartet hat ein schattenspendendes Tarp errichtet. Ohne dieses gäbe es in dieser baumlosen Landschaft keinerlei Schatten. Erleichtert lassen wir uns im Schatten des Tarps nieder und genießen den bizarren Ausblick des strahlend blauen Sees inmitten der kargen Wüstenlandschaft. Fasziniert beobachten wir wie der Mann innerhalb von Minuten ein komplettes Buffet vor dem Tarp aufbaut. Hungrig fallen wir über die leckeren Salate und den Fisch her und trinken heißen Tee. Danach machen wir eine ausgedehnte Siesta unter dem Tarp und dösen in der Mittagshitze. 

Gegen 15 Uhr schwingen wir uns wieder auf die Räder und kämpfen uns in Zeitlupe zurück hinauf in Richtung des Abzweigs zum See. Die Hitze verschlägt uns schnell die Sprache und wir sind alle damit beschäftigt möglichst wenig zusätzliche Energie zu verbrauchen. Leider tritt auch der von Sokir angekündigte nachmittägliche Rückenwind nicht auf. Stattdessen herrscht jetzt komplette Windstille. Der Asphalt scheint zu kochen und strahlt unbarmherzig die Hitze des Tages zurück. Nach fast zwei Stunden erreichen wir total überhitzt das kleine Dorf am Abzweig zum Jourtencamp. Dann fällt unser Blick auf einen kleinen Laden am Straßenrand und innerhalb von Minuten stehen wir alle im Innenraum. Ein reiches Sammelsurium an Kleidungsstücken, technischen Schnickschnack, Lebensmittel und landwirtschaftlichen Hilfmitteln hängen von der Decke. Unter einem Berg von Schuhen entdecken wir dann eine rostige Eistruhe und kaufen Unmengen von Stieleis. 

Nach der inneren Abkühlung radeln wir zurück zum Camp. Nach dem Abendessen sitzen wir noch langer unter dem unendlichen Sternenhimmel und unterhalten uns.

Jourtencamp – Qoshrabot (45 km). 

Nach dem Frühstück im Camp werden unsere Räder auf den Bus verladen und wir werden zurück nach Nurota gebracht. Schon von weitem begrüßen uns die Reste der von Alexander dem Großen erbauten Festung der Stadt. Die Festung lag damals an einer strategisch wichtigen Position, da hier der Übergang der Steppe zu dem landwirtschaftlich nutzbarem Gebiet lag. Auch in der Zeit des Karawanenhandels war Nurota ein wichtiger Handelsplatz und dementsprechend gab es hier große eine große Karawanserei.

Der Fahrer entlässt uns zu Füßen der Festung. Der Ort Nurota ist heute noch ein wichtiger muslimischer Pilgerort, da laut der Legende nach hier der Prophet Ali Ibn Abi Talib seinen heiligen Stab in die Erde schlug. Ein riesiges Wallfahrtszentrum bietet den tausenden Pilgern unterschlupf. Fasziniert beobachten wir wie sich die Leute vor der heiligen Quelle auf den Boden werfen. Im Becken tummeln sich die berühmten heiligen Goldfische von Nurota.

Vorbei an engen Marktgässchen folgen wir dem kleinen Weg hinauf zur Festung. Dicht an dicht reihen sich die kleinen Verkaufsstände die allerlei Devotionalien, Snacks und kalte Getränke angieten. Von den Festungsmauern aus bietet sich uns ein spektakulärer Blick über die unendliche Weite der Nurotawüste. Hier oben weht sogar ein angenehmer Wind. Eine Gruppe Wallfahrerinnen freut sich über den ungewöhnlichen Anblick westlicher Touristen und lässt nicht von uns ab bis wir für ein gemeinsames Foto posieren.

Danach laufen wir zurück zum Auto und machen noch einen kurzen Stop bei einem Schlachthof, wo wir noch etwas frisches Fleisch kaufen. Dann folgen wir für weitere 30 km der Nationalstraße durch die endlose Wüstenlandschaft. Mittags machen wir ein Picknick hinter einer schattigen Reihe großer Pappeln und essen schmackhafte Lammschaschlikspieße mit Brot und Zwiebeln. Gegen 14 Uhr schwingen wir uns dann auf die Räder. Wir folgen einem breiten und grünen Längstal das durch die Bergketten des Aktaus- und Nuratausgebirges umschlossen ist. Leuchtend rote Mohnfelder wehen seicht im Wind. Das Spiel der Cumuluswolken am azurblauen Himmel über den kargen Bergflanken verstärkt die immense Tiefenwirkung der Landschaft. Immer wieder rauschen wir steile Abfahrten hinab und klettern auf der gegenüberliegenden Seite wieder empor. Wir fühlen uns wie auf einer riesigen Achterbahn. Einzelne Esel und Kühe starren uns etwas missmutig von der Straßenseite aus an. 

Am frühen Abend erreichen die kleine Ortschaft Qoshrabot. Der Sohn unseres Gastgebers erwartet uns bereits auf einem laut knatternden Mofa. Von einer wilden Kinderhorde auf Fahrrädern verfolgt, folgen wir dem Mofafahrer über eine verwiirendes Netz aus kleinen Pfaden. Die Strecke führt uns durch eine kleinparzellierte abwechlungsreiche Agrarlandschaft. Nach einigen Kilometern erreichen wir den Hof unseres Gastgebers und werden herzlich begrüßt.

Seine zwei jungen Töchter können gut Englisch und wir unterhalten uns lange mit ihnen. Unter einem schattigen Kirschbaum dürfen wir auf einer teppichgesäumten Liegelandschaft Platz nehmen und man serviert uns Kekse und eiskalte Fanta. Der Garten zeigt eine buntes Mosaik aus Pfirsich- und Kirschbäumen, Weinreben und einigen Gemüsebeeten.

Zum Abendessen bittet man uns ins Wohnzimmer, wo man uns Plov serviert. Das traditionell orientalische Reisgereicht besteht aus langkörnigem Reis, Zwiebeln, Brühe und Fleisch und weiterem Gemüse. Es ist ein weit verbreitetes Gericht in Zentralasien. Nach dem Essen beginnt die Wodkazeremonie. Der Vater hält einen Trinkspruch, in dem er seine Freude über unseren Besuch ausdrückt. Im Laufe des Abends wird das Wohnzimmer der Familie immer voller und voller. Diverse Onkel und Tanten, Nachbarn und Freunde wollen sich alle mit den Neuankömmlingen unterhalten. Lieder und traditionelle usbekische Gedichte werden vorgetragen. Die Atmosphäre ist unbeschreiblich intensiv. Gegen Mitternacht fallen wir total erschöpft auf unsere Teppiche und sinken in einen tiefen Schlaf.


Qoshrabot – Dorf nahe Samarkant (85 km)

Nach einen deftigen Frühstück mit Spiegeleieren verabschieden wir uns von unserer warmherzigen Gastgeberfamilie und radeln los. Die ansteigende Straße ist übersäht mit Schlaglöchern und der Blick richtet sich konzentriert auf die durchlöcherte Fahrbahndecke.

Nach einer Stunde haben wir den Scheitelpunkt der Ausläufer des Akta- Gebirges erreicht und lassen uns hinunterrollen in die fruchtbare Agrarlandschaft der Samarkandoase. Durch die zunehmende Nähe zu Samarkand nimmt auch der Autoverkehr etwas zu. Gegen Mittag erreichen wir einen etwas größeren Durchgangsort und versinken sofort im Verkehrschaos des samstäglichen Marktgeschehens. Schwer beladene Eselskaren schieben sich durch die engen Marktgassen, wild huppende Minibusse werben lautstark um Passagiere, Marktschreier preisen ihre Waren an. Der Duft von frisch gebratenem Kebabspießen lockt uns in ein Straßenrestaurant. Nach dem Mittagessen radeln wir weiter aber die Mittagshitze ist kaum auszuhalten. Nach wenigen Kilometern kommen wir an einer schattigen Allee aus Pappeln vorbei und schlagen uns in den rettenden Schatten. Teppiche werden ausgerollt und binnen von Minuten herrscht eine angenehme Stille. Über unseren Köpfen rascheln die Blätter der Pappeln seicht im Wind. Das entfernte Wirren von einigen Eseln ist zu vernehmen. Ein kleiner Junge radelt mit einem alten quietschenden Fahrrad an uns vorbei und fällt beinahe vom Rad, als er uns im Straßengraben dösend vorfindet. Nach der Mittagspause schwingen wir uns bei imeer noch glühenden Temperaturen wiederauf die Räder und fahren weiter.

Am späten späten Nachmittag erreichen wir das Dorf Obolin. Kleine Pisten führen uns durch ein kleinparzellierte grüne Agrarlandschaft. Kühe, Esel und Hühner laufen über die Straßen. Auf dem staubigen Dorfplatz spielt eine Gruppe Kinder Fußball und ein junges Kalb beschwert sich lauthals über den anfliegenden Ball. 

Obolin – Mausoleum des Gelehrten al-Buchari.- Samarkant

Nach dem Frühstück laden verladen wir die Räder aufs Dach des Busses und fahren zum Mausoleums. Heute ist das Mausoleum eine der bedeutendsten Pilgerstätten des Landes. Die immense Bedeutung des Ortes zeigt sich bereits auf dem Parkplatz. Hier reiht sich ein Bus an den nächsten. Scharen von Pilgern laufen wie eine Lemminge in Richtung des imposant gestalteten Mausoleums. 

Die fast 20 Meter hohe türkisblaue Kuppel überthront den quadratischen Komplex. Die Innen und Außenfassade zeigt eine beeindruckende Vielfalt von filigranen islamischen Ornamenten. Tief beeindruckt laufen wir durch die Anlage und beobachten die vielen Pilger aus allen Teilen des Landes. Viele der Pilger sind sichtlich erfreut über die westlichen Gäste und nutzen die Chance für eine kurze Unterhaltung oder ein gemeinsames Foto.

Nach der Besichtigung fahren wir noch ein Stück weiter in Richtung Samarkand und machen einen Mittagsstopp bei einer Familie in einem Vorort. Unter einem, von Weinreben berankten, Vordach serviert man uns ein schmackhaftes Plov und zum Nachtisch gibt es zuckersüße Wassermelone. Nach dem Essen nimmt uns die Dame des Hauses mit in ihre Backstube und zeigt uns wie die traditionellen Fladenbrote in den Tonöfen gebacken werden. Sie befördert den Teig mit einer wohl geübten Wurftechnik an die Innenwand des runden Tonofens und nach einigen Minuten präsentiert sie uns ein wohlduftendes frisch gebackenes Fladenbrot. Allein des leckeren Brotes wegens, lohnt sich eine Reise nach Usbekistan unbedingt.

Wir verabschieden uns von der Familie und setzen unsere Fahrt weiter nach Samarkand. Am späten Nachmittag erreichen wir dann die Innenstadt und checken in das „Hotel Zarina“ ein. Nach fast einer Woche ohne eigenes Bad freue ich mich über den ungewohnten Luxus. Frisch geduscht und wie neu geboren trete ich hinaus in die abendliche Sonne und Sokir führt uns in die nur wenige hundert Meter entfernte Altstadt. Die Vielzahl von Kuppeln und Minarette kündigen bereits von weitem die historische Bedeutung von Samarkands an. Zuerst laufen wir durch einen weitläufigen Stadtpark. Die Menschen sitzen unter den riesigen schattigen Bäumen und unterhalten sich. Heimlich halten junge Liebespaare Händchen. Eisverkäufer schieben klingelnd ihre Eistruhen durch den Park. 

Plötzlich stehen wir dann vor dem wohl imposantesten Stadtensembles Usbekistans; dem Registan. In der Hochzeit des Orients war dies der Ort wo die Herrscher neue Erlasse verkündeten, wo Gericht gehalten wurde, wo aber auch Märkte abgehalten wurden. Der weitläufige Platz wird von drei Seiten von monumentalen Medresen umgeben. Die Silhouetten der Kuppeln und Minarette am rötliche Abendhimmel wecken zweifellos Assoziationen von 1001 Nacht. Wirklich Atemberaubend!