Dez
2006

Radreise Ostkuba

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Auszug aus dem Reisetagebuch

Mayari – Rio Carborico (45 km)

Gegen sieben Uhr werden Benni und ich durch das kontinuierliche Prasseln des Regens auf dem Wellblechdach geweckt. Wir schauen durch die Holzlammellen des Fensters und sehen, dass alles um uns herum in ein tief dunkles Grau gehüllt ist und es sintflutartig regnet. Rays Frau macht uns zum Frühstück eine Tasse Kakao, der uns jedoch eher an einen Schokoladenpudding erinnert. Die mitgebrachte Nutella und Erdnussbutter erfreuen unsere kubanischen Gastgeber. 

Wir vertreiben uns noch etwas die Zeit und hoffen, dass der Regen langsam nachlässt, doch leider wird uns dieser Wunsch nicht erfüllt. Unten auf der Hauptstraße beobachten wir die Einheimischen, die mit bunten Schirmen und Regenponchos durch die Straßen ziehen. Wir entschließen uns aufzubrechen und schleppen unsere Räder die steile unbefestigte Treppe hinunter. Nach einer herzlichen Verabschiedung fahren wir durch das morgendliche Mayari. Die pistenähnlichen Straßen sind von tiefen wassergefüllten Schlaglöchern übersäht. Schnell bedeckt der klebrige Lateritschlamm unsere Räder. 

Wir überqueren riesige rotbraune Urwaldflüsse, deren Flusspegel rasant zu steigen scheinen. Anschließend verlassen wir die Stadt und fahren auf der Hauptstraße in Richtung Moa. Die Vegetation wird immer üppiger und grüner. Gleichzeitig nimmt die Intensität des Regens zu. Trotzdem genießen wir die Ausblicke auf die wolkenverhangenen Dschungelberge. Es geht vorbei an mit Bananenblättern gedeckten Holzhäusern, welche umgeben sind von einem dichten und immer satten Grün. Die Straße folgt einem anspruchsvollen Hügelprofil, und es müssen knackige Kletterpartien absolviert werden.

Nach ca. 25 km erreichen wir das geplante Etappenziel. Mittlerweile sind wir trotz kompletter Regenmontur von oben bis unten durchnässt. Wir folgen der kleinen Wegabzweigung zum Campissmo Rio Carborico. Auf der schmalen Urwaldpiste geht es durch ein kleines Dörfchen runter zum Fluss. Dieser ursprünglich kleine Fluss hat sich mittlerweile in einen reißenden Strom verwandelt, der dem Camp schon gefährlich nah gerückt ist. Am Eingang des Campismos werden wir von einem bewaffneten Wächter erwartet, der uns darauf hinweist, dass das Camp schon voll sei. Komischerweise sehen wir kaum einen anderen Gast auf dem Gelände des Zeltplatzes. 

Etwas bedrückt fahren wir zurück zur Hauptstraße und stellen uns erstmal unter einer bananenblattgedeckten Bushaltestelle unter. Nach einer kurzen Pause entschließen wir uns weiterzufahren. Der Regen wird heftiger und die Sicht immer schlechter. Die Straße ähnelt mittlerweile einem Sturzbach. Der heftige Regen wird von einem markanten Seewind ergänzt, der unser Fortkommen deutlich verlangsamt. An einer kleinen Palmenhütte am Wegesrand machen wir erneut Halt, stellen uns unter und essen ein paar Erdnussbutterbrote. Nach der kurzen Pause geht es wieder raus in den strömenden Regen, dessen Intensität uns jedes Mal aufs Neue beeindruckt.

Nach etwa 45 km kommen wir auf eine Art Hochebene, auf der die Vegetation weitestgehend nur aus Sträuchern und Wiesen besteht. Nach kurzem Überlegen entscheiden wir uns, wild zu zelten, da es bald dunkel wird. An einer großen Pfütze filtern wir uns etwas Trinkwasser für das bevorstehende Abendessen. Dann schieben wir unsere schwer bepackten Räder auf einem kleinen Trampelpfad von der Straße weg. An einem sichtgeschützten Platz errichten wir bei strömendem Regen unsere Zelte. 

Nach Einbruch der Dunkelheit gehen wir raus und schmeißen unseren Benzinkocher an. Der kubanische Diesel lässt unseren armen Kocher vor Ruß beinahe ersticken. Um uns herum ist es stockfinster, und wir hören die Tiergeräusche der tropischen Wildnis. Nach einem hastigen, lauwarmen Abendessen krabbeln wir schnell wieder in unsere Zelte zurück, bevor der nächste Schauer auf uns niederprasselt. 

Die Nacht ist der reine Horror, denn immer wieder knallen wahre Wasserwände auf unsere Zelte nieder, und die heftigen Windböen verbiegen die Zeltwände in alle möglichen Richtungen. Mitten in der Nacht überlegen wir die Zelte abzubrechen, aber der Regen und Sturm sind zu stark. 


Rio Carborico – Moa (60 km)

Um sechs Uhr, nach nur wenigen Stunden Schlaf, packen wir schnell unsere triefend nassen und matschigen Zelte ein. Doch Minuten später geht schon die nächste Regenfront auf uns nieder. Schnell ziehen wir uns noch unsere nassen Regensachen an und schieben unsere Räder zurück in Richtung Straße. Von dem Hochplateau bieten sich beeindruckende Ausblicke auf die vor uns liegende Bucht. Die mächtigen Wolken schieben sich kontinuierlich landeinwärts. An einem Busunterstand machen wir eine Frühstückspause und essen ein paar Brote. Einige Kubaner setzen sich zu uns, da der starke Regen sie von ihrer Feldarbeit abhält. Neben uns sitzt ein alter Landarbeiter mit stark sonnengegärbter Haut, dessen nackte Füße durch den zähen Lateritschlamm nur noch zu erahnen sind. Die Leute sind interessiert an unserer Tour und fragen uns, wo wir hinfahren. Nach einer guten Stunde schwingen wir uns wieder auf unsere Gäule und radeln weiter. 

An den Straßenrändern fließt das Wasser mittlerweile in reißenden Strömen an uns vorbei. Der Regen wird wieder heftiger und wird durch einen heftigen Wind begleitet, der uns direkt ins Gesicht geweht. Es geht nur noch in Zeitlupe voran. Wir fahren an riesigen überschwemmten Landschaften vorbei aus denen nur noch vereinzelt die Krone einer Königspalme hervorragt. Endlich erreichen wir das kleine Örtchen Sagua mit seinen von schönen bunten Holzhäuschen gesäumten Sträßchen. Ein deutsch-sprechender Kubaner erzählt uns von seiner Zeit in Leipzig. Es geht weiter durch das rege Treiben in der Stadt. Die Leute stehen in langen Schlangen vor den Essensausgabestellen. Auf dem Markt kaufen wir uns etwas Brot und Bananen und tauschen Geld. 

Über eine Brücke, die gefährlich schwankt, geht es über einen reißenden Fluss. Die Straßenqualität ist miserabel, jedoch kommen wir mit unseren Rädern weitaus schneller voran, als die vereinzelten Autos oder LKWs. In regelmäßigen Abständen prasselt der Regen in einer unglaublichen Intensität auf uns nieder. Die letzten fünf Kilometer nach Moa ziehen sich wie Kaugummi. Immer wieder werden wir von riesigen Trucks überholt, die zu den Nickelminen wollen. Am Stadtrand begrüßen uns die Vorboten der hässlichen Industriemetropole. Plattenbauten soweit das Auge reicht. Wir erreichen das einzige Hotel der Stadt und sind überglücklich, als wir endlich triefendnass an der Rezeption stehen. Jedoch versucht man uns hier penetrant abzuspeisen mit der Begründung, dass das Hotel zur Zeit renoviert wird und daher keine Chance auf ein Zimmer bestünde. Zum Glück treffen wir den Chef einer kanadischen Nickelfirma, der über 90 Leute angestellt hat und gute Verbindungen in der Stadt hat. Er versichert uns, dass er uns ein Zimmer im Hotel besorgen würde. Nach etwa zwei Stunden Warten vor der Lobby des Hotels bittet man uns plötzlich hinein und bringt uns auf unser Zimmer. Dort breiten wir erst einmal unsere ganzen nassen Sachen aus und nehmen eine langersehnte warme Dusche. Anschließend machen wir uns auf zum hoteleigenen Restaurant, wo wir für nur 7 CUC an einem Buffet teilnehmen können. Wir stürzen uns wie die Aasgeier auf das Essen. In der Lobby des Hotels treffen wir auf eine Gruppe Radreisende, die eine geführte Kuba-Radreise machen. Sie sind mit dem Anbieter Profil-Cuba-Reisen unterwegs und waren, genau wie wir, für drei Tage in dem Unwetter gefangen. Heute Nacht dürfen sie ihre Schlafsäcke in der Hotellobby ausrollen. 


Moa – Baracoa (80 km)

Gegen 6.30 Uhr wachen wir nach fast 10 Stunden Schlaf wunderbar ausgeschlafen auf und schauen erstmal aus dem Fenster unseres Hotelzimmers. Zum Glück hat es mittlerweile aufgehört zu regnen, aber über dem Swimmingpool und den hohen Sicherheitszäunen liegen noch riesige dunkle Wolkenberge. Im Hotel herrscht Totenstille, da wohl am vorherigen Abend ausgiebig gefeiert wurde. 

In aller Ruhe sammeln wir unsere kreuz und quer über das Hotelzimmer und den Flur verteilten Sachen wieder ein. Nach der Stärkung am Frühstücksbuffet packen wir schnell unseren restlichen Kram zusammen und verlassen das Hotel. Die Strecke führt uns vorbei an riesigen sozialen Wohnungsbauten, und wir werden von etlichen Jeeps und Lastwagen der Nickelwerke überholt. Monströse Propagandaplakate preisen lautstark die Wirtschschaftskraft der Nickelstadt Moa an. Es fallen uns die langen offenliegenden Pipeline-Systeme auf, die quer durch die Wohngebiete verlaufen. An einigen Stellen tritt hier der Schwefel aus und sammelt sich in einem gelblichen Schleim am Wegesrand. Der Himmel ist wolkenverhangen und bekommt durch die Fabrikabgase einen rötlichen Schimmer. Die regelmäßiger werdenden Polizeiposten weisen uns darauf hin, dass wir uns der Mine nähern müssen. Warnschilder weisen uns auf das strikte Fotoverbot hin. Und plötzlich erscheinen die gigantischen Nickelveredelungsbetriebe am Horizont. Wir werden von haushohen Transport-Radladern überholt, die das Nickel aus den Minen in die Veredelungsbetriebe bringen.

Die Strecke steigt jetzt steil an und wir haben auf den miserablen Pisten in diesem Bereich schwer zu kämpfen. Langsam zieht sich der Himmel auf, und die ersten Sonnenstrahlen treten hervor. Gleichzeitig entfernen wir uns immer weiter von der Industriestadt Moa und kommen wieder in ruhigere ländlichere Bereiche. 

Die Vegetation wird ab jetzt von Pinienwäldern dominiert, die mich stark an die Vegetation des mediterranen Raumes erinnern. Nach fast vier Tagen sintflutartigen Regenschauern wird das Fahren jetzt zu einem wahren Glücksmoment. Im Schatten einer großen Pinie machen wir Mittagspause, genießen das angenehme Klima und den leichten Seewind. Anschließend schwingen wir uns wieder auf unsere Gäule und fahren weiter. In einem ständigen Auf- und Ab verläuft die Straße durch eine enge Schlucht. Wir überqueren mehrere kleinere glasklare Flüsschen an deren Ufer farbenfrohe Orchideen leuchten. Es herrscht absolute Ruhe, kaum ein Auto kommt an uns vorbei; am Himmel kreisen einige Greifvögel und beobachten uns.

Nach einiger Zeit passieren wir das Eingangsschild zum Nationalpark „Alexandre de Humbolt“. Stetig wird die Vegetation üppiger und tropischer. Immer wieder bieten sich uns wunderschöne Blicke auf den jetzt ruhigen blauen Atlantik. Am Straßenrand stehen Frauen in bunten Wickelkleidern, die frische Kokosnüsse und Bananen verkaufen. Die Häuser in diesem Bereich bestehen komplett aus den umliegenden Tropenhölzern und sind meistens auf Stelzen errichtet. Sie erscheinen winzig im Kontrast zu der wilden tropischen Vegetation. Das Radfahren wird zur kompletten Nebensache, da wir zu stark mit der uns umgebenden Landschaft beschäftigt sind. Palmenwälder, Lianen, Farne und Mangrovenwälder wechseln sich hier in kurzen Abständen ab. Wir ziehen vorbei an mit Kokosnüssen beladenen Ochsenkarren. Plötzlich rennt eine Gruppe Stachelschweine vor uns über die Straße, gefolgt von einem Hahn. Außer dem Zwitschern der Vögel herrscht absolute Ruhe, und Autoverkehr ist in diesem Teil Kubas kaum existent, da die Straße zu den schlechtesten des ganzen Landes zählt. 

Die Hautfarbe der Menschen hier ist deutlich dunkler als derer in Moa. Deutlich sichtbar wird der steigende Einfluss der afrokubanischen Kultur in diesem Inselteil. Hinter einer Kurve erreichen wir das offizielle Besucherzentrum des Parks. Erneut treffen wir das schweizer Radreisepaar mit dem kleinen Kind im Anhänger. Unter einer riesigen Königspalme sitzen sie in aller Ruhe auf der Erde und essen Kokosnuss. Wir setzen uns zu ihnen und tauschen uns über die Erlebnisse der letzten Tage aus. Anschließend laufen wir hinüber und begutachten die massive Humbolt-Statue, die über der Meeresbucht thront. 

Nach einer längeren Verschnaufpause in dem spartanisch eingerichteten Besucherzentrum verabschieden wir uns von den anderen Radreisenden und fahren weiter. Ab jetzt verläuft die Straße parallel zur Küste. Durch den hier anstehenden Kalkstein haben sich eindrucksvolle Höhlensysteme gebildet. In Teilen wurde der Kalkstein vom Regen so stark erodiert, dass die Wurzeln der darüberliegenden Bäume komplett freigelegt wurden. Eine der Höhlen fungiert einer Gruppe Kubaner als Treffpunkt, zum nachmittäglichen Dominospiel. Überall hängt bunte Wäsche zwischen den Palmenhäusern, und Frauen stehen in den Flüssen beim Waschen. Kleine Kinder stehen am Straßenrand, begrüßen uns freundlich und winken uns zu. Die Strecke verläuft jetzt nur noch flach, und der Weg wird von langen schönen Palmenalleen gesäumt. Die ersten Ausläufer der Stadt Baracooa kommen in Sichtweite. Wir kommen an der berühmten Schokoladenfabrik vorbei und überqueren einen breiten Fluss. Der Fahrrad- und Fußgängerverkehr wird jetzt immer dichter, und relativ schnell erreichen wir das historische Stadtzentrum von Baracoa. Die alten bunten hölzernen Kolonialstilhäuser bilden einen schönen Kontrast zur tropischen Vegetation und zum Blau des Atlantiks. Mit ihren engen verwinkelten Gassen gilt sie unter Kubaliebhabern nicht selten als die schönste Stadt Kubas. Wir halten an einem Casa-Particular, wo die Dame des Hauses uns mitteilt, dass sie leider schon ausgebucht sei, aber uns an eine Freundin weitervermitteln könne. Sie bringt uns zu einer großen gelben Kolonialstilvilla mit einem großen Balkon. Eine etwa 65 Jahre alte Sonnenbrille tragende Frau namens ’Colonial Lucy’ empfängt uns freundlich und zeigt uns ein riesiges Zimmer mit hohen Decken. Im Vorraum steht ein wild blinkender Weihnachtsbaum, der kontinuierlich Jingle-Bells von sich gibt. 

Zur Begrüßung im Hause bekommen wir einen leckeren Teller hausgemachte Suppe. Nach einer längeren Verschnaufpause machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Wir schlendern durch die kleinen Gassen, alles ist hier zu Fuß erreichbar. Im Restaurant „La Colonial“ essen wir einen riesigen Berg Shrimps mit Reis und Bohnen, dazu gibt es eiskaltes Crystal Bier. Im Anschluss gehen wir in eine Musikkneipe namens „La Terrassa“ wo eine Live-Band spielt. Die sechsköpfige Truppe aus alten Männern spielt die bekanntesten Hits des Buena Vista Social Clubs. 

Baracoa – Playa La Coba (75 km)

Unsere Gastgeberin Lucy serviert uns im schattigen Innenhof ihres Hauses frischen Kaffee und Spiegeleier mit Ziegenkäse. Nach dieser deftigen Stärkung packen wir die Sachen zusammen, verabschieden uns schweren Herzens von der warmherzigen Gastgeberin und radeln los.

Wir bahnen uns den Weg durch das koloniale Holzhäusermeer Baracoas. Vorbei geht es an Fahrradrikschas, wartenden Menschenschlangen an den Bushaltestellen und vor den Banken. Allmählich erreichen wir die Vororte. Hier stehen viele kleine bunten Holzhäuschen, welche von üppigen tropischen Gärten umschlossen sind. Heute zeigt sich kaum eine Quellwolke am azurblauen Himmel. Die Strecke verläuft schattiger Kakaoplantagen und überall liegt der Geruch der fermentierten Kakaobohnen in der Luft. An den Straßenrändern werden die Bohnen auf farbigen Stofftüchern in der Sonne getrocknet. Uns fasziniert die hohe Vegetationsvielfalt in dieser Region. Selten habe ich so viele verschiedene Grüntöne  wahrgenommen. Mango-, Papaya-, Kakaobäume, Bananenstauden und eine Vielzahl von Palmenarten bilden hier ein abwechslungsreiches Vegetationsmosaik. Das üppige Grün wird immer wieder von leuchtenden Orchideenarten durchbrochen. 

Kontinuierlich steigt die Straße an und wir kämpfen uns die erste Steigung hinauf. Die hohe Einstrahlung und Luftfeuchtigkeit bringt uns mächtig ins schwitzen. Für unsere Qualen werden wir jedoch mit einem phänomenalen Ausblick über die Bucht von Baracoa entschädigt. Im Hintergrund liegt der beeindruckende Tafelberg des „El Yunques“. 

An den kleinen Straßenständen werden uns selbstgemachte Schokolade, frisch geernteter Kaffee, Mandarinen und Bananen angeboten. Mit steigender Höhe verändert sich die Vegetation. Riesige Farne, und von Lianen und Flechten umrankte Bäume, begleiten die Straße. Auf den dicken Ästen der hohen Bäume zeigen sich Epiphyten und leuchtend bunte Orchideen. Kleine Wasserfälle stürzen sich die steilen Berghänge hinab. In Zeitlupe schnaufen wir den Pass hinauf und werden immer wieder von imposant großen tropischen Schmetterlingen umtanzt. An einem Unterstand aus Bananenblättern machen wir Halt und verzehren Bananen und Salzkekse.

Vor dem Bau des Straßenpasses war Baraccoa nur von der See aus erreichbar. In den 1960er Jahre ließ die sozialistische Regierung eine Passstraße über die Ausläufer der Sierra Maestra bauen und diese galt lange Zeit als Vorzeigewerk der sozialistischen Regierung. Immer wieder kommen wir an Passagen vorbei an dem von Felsstürzen ganze Straßenteile in Tiefe gerissen wurden. Nach einer fast drei Kilometer langen fast 10 % Steigung erreichen wir dann endlich das langersehnte Passschild des „ Alto de la Cotilla“. Nach dem obligatorischen Foto vor dem Passschild schieben wir unsere Räder auf die Terrasse eines Holzschuppens mit der Hoffnung auf ein kaltes Getränk. Doch außer lauwarmem Kaffee gibt es hier nichts zu trinken. 

Es folgt eine berauschend schöne Abfahrt. Zu unserer rechten fällt die Straße mehrere hundert Meter steil ab, aber zum Glück sichert eine dicke Holzplanke den Abhang. Wir sausen immer weiter hinab und es eröffnet sich uns ein faszinierender Ausblick auf die tropischen Bergriesen der Sierra Maestra und das türkisblau der Karibik. Simply breathtaking! 

Plötzlich klatscht ein heftiger Tropenschauer auf uns nieder. Unter einem Mangobaum suchen wir vergeblich Unterstand sind dennoch in sekundenschnelle bis auf die Haut durchnässt. Nach wenigen Minuten hat sich die Wolke ausgeregnet und es bildet sich ein imposanter Regenbogen . Wir schwingen uns wieder auf die Räder und beobachten, wie die Wassermassen von den großen Blättern der Bananenstauden verdampfen. Riesige Wolkenfetzen hängen in den Ausläufern der Sierra Maestra. Nach wenigen Kilometern verlassen wir die Berge und hinter einer scharfen Kurve stehen wir plötzlich vor der türkisblauen Karibik. Die Straße verläuft ab jetzt nur noch wenige Meter vom Meer entfernt. Mit der Querung der Sierra Maestra hat sich auch die Vegetation schlagartig verändert. Plötzlich werden wir umringt von mannshohen Kakteen und anderen Sukkulentenarten. Auch das gelbliche hüfthohe Savannengras weißt auf die höhere Trockenheit dieser Region hin.

Innerhalb von Minuten verschwindet die Sonne über der schäumenden Karibik und taucht alles in einen tieforangen Farbton. Die langen Schatten der hohen Kakteen werfen bizarre Formen auf die Straße. Schnell wird es dunkel und ein sagenhafter Sternenhimmel breitet sich über uns aus. In einem kleinem Dorf machen wir halt und essen noch schnell ein paar Müsliriegel, da unsere Energiereserven langsam zu Ende gehen. Es ist stockdunkel und ein Campingplatz ist immer noch nicht in Sicht. 

Nach weiteren fünf Kilometern erreichen wir dann endlich die Einfahrt des Campingplatzes und dürfen diesmal sogar über Nacht bleiben. Für sagenhafte 13 CUCs bekommen wir einen spartanischen Bungalow mit unbequemen Holzpritschen und kalter Dusche. Den restlichen Abend verbringen wir auf unserer Veranda und kochen uns eine leckere Portion Spaghetti auf unserem Benzinkocher. Von der Disco klingen laute Reggaeton-Beats zu uns herüber. Leider entpuppt sich die Nacht als wenig erholsam, da tausende Mosqitos in unserem Bungalow über uns herfallen wollen. 

[…]

Guantanamo – Santiago de Cuba (94 km)

Kurz nach Sonnenaufgang sitzen wir am Frühstückstisch unseres Casas. Die fast fünf Meter hohen Decken und die massiven alten Mahagoniholzmöbel versprühen einen intensiven Charme der Kolonialzeit. Die rotierenden Deckenventilatoren kündigen bereits jetzt einen heißen Tag an. Durch die weit geöffneten alten Holzfensterläden beobachten wir das quirlige Leben in den Straßen von Guantanamo. Gegen 9 Uhr verlassen wir das Casa und bahnen uns den Weg durch das Verkehrschaos. Netterweise hilft uns ein älterer Mann auf dem Rad, den Weg aus der Stadt zu finden. Am Straßenrand stehen lange Menschentrauben, die auf eine Fahrradrikscha oder Kutsche warten. Der Mann weißt uns freundlich in Richtung einer vierspurigen Autobahn und verabschiedet sich von uns. 

Wir wundern uns über den vorbildlichen Straßenzustand der vierspurig ausgebauten Autobahn. Die Straße scheint für den hiesigen Autoverkehr total überdimensioniert zu sein, denn kaum ein Auto oder LKW ist zu sehen. Nach einiger Zeit treffen wir auf eine Gruppe kubanischer Rennradfahrer, die vom Rennsportlager in Guantanamo sind. Sie begleiten uns für die nächsten 10 Kilometer und sind beeindruckt von unseren schwer gepackten Rädern. 

Nach einiger Zeit verlässt uns ein Teil der Gruppe und nur ein Fahrer begleitet uns weiter. Er stellt sich uns später als Rosario vor, er erzählt uns über seinen Alltag im Nachwuchskader. Nach einigen Kilometern erreichen wir einen breiten Stausee, den wir überqueren. Plötzlich verliert Rosarios Reifen Luft und er verabschiedet sich von uns, da er berfürchtet, dass er es sonst nicht mehr bis nach Guantanamo zurück schaffen würde. Anschließend erwartet uns eine fast fünf Kilometer lange steile Steigung. Im Schneckentempo schrauben wir uns auf etwa 400 Meter hinauf und die Mittagshitze heizt uns dabei mächtig ein.

In einer Dorfbar machen wir Halt und trinken Unmengen ungekühlter Zitronenlimonade. Von unseren wackeligen Barhockern verfolgen wir den Tanz der tausenden Fliegen auf der Theke und lauschen dem Brummen einer verrosteten Softeismaschine. Vereinzelt kommen Bauern in Gummistiefeln, nehmen neben uns Platz und trinken einen Kaffee. Genau wie wir, wollen sie die Mittagshitze überbrücken. Die Zeit scheint still zu stehen.

Etwas unmotiviert treten wir wieder hinaus in die pralle Mittagshitze und radeln weiter. Die nächsten Kilometer führen uns an endlosen Zuckerrohrfeldern vorbei. In regelmäßigen Abständen überholen wir schwer überladene Ochsenkarren. Bei Tageskilometer 50 erreichen eine größere Ortschaft, wo wir an einer Tankstelle eine 1,5 Liter Flasche eiskalte Orangenlimonade wegziehen. Der Flüssigkeitsbedarf in der tropischen Hitze ist wirklich unvorstellbar hoch.

Anschließend geht es weiter; die Straße schlängelt sich durch eine satte grüne Hügellandschaft, die in den verschiedensten Grüntönen erleuchtet. In der Ferne liegen die hohen Dschungelberge der Sierra Maestra. Da heute Samstag ist, herrscht in den Dörfern eine ausgesprochen entspannte und fröhliche Atmosphäre. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern beim Grillen und winken uns freundlich zu. Es erklingt eine bunte Kakophonie an bunten Reggaetonfetzen. Die Strecke verläuft ab hier durch wunderschöne schattige Alleen. Unter den Bäumen sitzen die Zuckerrohrschneider in kleinen Gruppen und trinken Rum aus Plastikflaschen. 

Gegen Nachmittag erreichen wir Autopista nach Santiago und wir freuen uns über eine rauschende Abfahrt hinab an die Bucht der Stadt. Wir sausen an den ersten Ausläufern der Stadt vorbei und erreichen die Innenstadt, wo der Verkehr merklich zunimmt. Die Abgase der vielen LKWs und Busse bringen uns fast zum ersticken. Endlich erreichen wir das historische Zentrum der Stadt und schieben unsere Räder durch die Fußgängerzone. Hier ist wirklich die Hölle los! Nach einiger Zeit erreichen wir eine kleine Seitenstraße in die wir einbiegen. Noch immer verlaufen hier die alten Straßenbahnschienen, obwohl schon seit Jahren keine Bahn mehr fährt. Die Straße ist umsäumt von wunderschönen bunten Kolonialstilvillen, deren Baustil sich deutlich von derer in Baracoa abhebt. Die meisten Wohnhäuser sind hier aus Stein gebaut und haben mehrere Stockwerke.

An der mächtigen Mahagonitür eines alten Kolonialstilhauses klingeln wir und werden von einer freundlichen älteren Frau hineingebeten. Wir schreiten durch ein imposanten, von Säulen durchsetztes Foyer mit alten Kolonialstilmöbeln und schieben unsere Räder weiter in einen paradiesischen Innenhof, der mit seinen Palmen und Orchideen wie eine grüne Oase wirkt. Der Innenhof wird von einem Papagei und zwei frechen Pfauen bewacht.

Nach einer kalten Dusche und einem kleinen Schläfchen sind wir wieder hergestellt und laufen in die Stadt. In den historischen Gässchen reiht sich auch weiterhin ein imposantes Kolonialstilhaus an das nächste. Auf den Plätzen der Stadt musizieren allerlei Musikgruppen. Aus allen Himmelsrichtungen ertönt Musik und es wird getanzt. Doch unser schreiender Hunger treibt uns weiter. Nach einigem Suchen finden wir das Hotel San Basilio, welches in einem strahlend weißen Kolonialstilhaus untergebracht ist.

In dem kleinen Restaurant des Hotels, das gerade mal über drei Tische verfügt, serviert man uns ein köstliches Abendessen mit frischem Fisch in Kokossoße. Nach dem Essen schlendern wir in aller Ruhe zurück zu unserem Casa und setzen uns in die großzügigen Korbsessel im Innenhof des Hauses und trinken kalten Kuba-Libre. Anschließend laufen wir zurück zum zentralen Platz. Der abendliche Anblick, des von mächtigen alten Kolonialstilgebäuden umsäumten Platzes, haut uns fast vom Hocker. Auf den unzähligen Bänken sitzen die Stadtbewohner und unterhalten sich angeregt. Es wird getanzt und gefeiert. Verzaubert und zufrieden genießen wir die Atmosphäre im Park und trinken noch ein kaltes Bier. Danach verschlägt es uns in das ’Casa de la Trova’ wo wir noch etwas Live-Musik hören.


Ruhetag in Santiago de Cuba

Im tropischen Innenhof genießen wir ein spätes Frühstück. Schön, dass wir heute nicht packen müssen und einfach in den Tag hinein leben können. Anschließend machen wir einen ausgiebigen Stadtrundgang und besuchen den „Balcon de Vacaluse“ von dem man einen sagenhaften Ausblick auf die Dächer der Stadt und den Hafen hat. Interessant ist auch das Kunstviertel. Hier präsentieren lokale Künstler ihre leuchtend bunten Gemälde mit tropischen Motiven. An den hohen Decken der alten Kolonialstilhäusern rotieren stark verrostete Ventilatoren.In einer Seitenstraße entdecken wir ein Bücherantiquariat, das voll mit Visitenkarten aus der ganzen Welt ist. 

Nach dem Spaziergang mieten wir uns einen alten roten Chevi und lassen uns zur Feier des Tages zum „Castillo del Morro“ kutschieren. Es kaum zu glauben, wie viel Platz man in diesen alten Straßenkreuzern hat, doch leider scheint die Abgasanlage des knapp 50 Jahre alten Autos schon lange nicht mehr richtig zu funktioneren. Schwer nach Luft ringend verlassen wir am Eingang des Forts den alten Wagen.

Die fast 400 Jahre alte Festung thront hoch über der karibischen See. Es bietet sich uns ein sagenhafter Ausblick über die Bucht von Santiago. Die dicken Mauerwerke und die Kanonen deuten auf die wichtige strategische Lage von Santiago als Hauptumschlagsplatz der gesamten Karibik. Man kann sich wahrlich vorstellen, welche heftigen Piratenschlachten sich hier abgespielt haben müssen. Ein wahres Eldorado für Piratenfans!

Auf den alten Holzbalkonen haben sich Riesenleguane breit gemacht und posieren für die Touristen. Sie verlangen allerdings kein Geld für Ihre Dienste. Über das weit verzweigte Treppensystem bahnen wir uns den Weg hinab zur Karibik. Unten angekommen, schauen wir fasziniert hinauf zu der imposant thronenden Festung. Was für ein Anblick. Nach etwa 500 Treppenstufen erreichen wir schweißüberstömt den Ausgang des Forts und machen uns auf die Suche nach einem Getränk. In einer nahgelegenen Bar versuchen wir unser Glück, geraten jedoch in eine wild feiernde Hochzeitshorde hinein. Im Innenraum der kleinen Bar herrscht ausgelassene Feierstimmung, Tonkrüge voller Rum werden geleert und es wird lauthals gesungen. Nichts wie raus hier! 

Ein Taxi bringt uns zurück in unser Casa, wo wir erst einmal eine ausgedehnte Siesta unter den hohen Deckenventilatoren machen. Bei über 40 Grad im Schatten haben die fast fünf Meter hohen Decken wirklich ihre Vorteile. Am späten Nachmittag dürfen wir unter den schattigen Bananenstauden im Innenhof ein schmackhaftes Abendessen zu uns nehmen. Als Vorspeise serviert uns die Küchenchefin eine scharfe kreolische Bohnensuppe, gefolgt von einem riesigen Berg von Garnelen mit frittierter Kochbanane als Hauptgang. Zum Nachtisch gibt es einen üppigen Teller mit Papaya, Ananas und Mango. Beim Essen beobachten wir fasziniert, wie der Gärtner den Rasen mit der Machete trimmt. Da wäre jeder deutsche Gartenfan ganz blass vor Neid.

Nach einer ausgedehnten Lesepause in den Schaukelstühlen machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Es verschägt uns auf die imposante Terrasse des „Grand Hotel“. Hier gönnen wir uns einen sieben Jahre alten Rum und genießen den Ausblick auf das quirlige Nachtleben auf dem „Parque Cespedes“. Den restlichen Abend verbringen wir erneut im „Casa del a Trova“ wo wir noch für einige Stunden den Salsaklängen lauschen.

[…]

Santiago de Cuba – Tubacal (75km)
Gegen sieben Uhr klingelt der Wecker; wir gönnen uns eine kurze kalte Dusche und begeben uns dann rasch an den Frühstückstisch. Fred, den wir am Vorabend kennengelernt haben, gesellt sich zu uns, und wir genießen eine heiße Tasse kubanischen Kaffee. Dazu gibt es frischgepressten Guavensaft (Diesmal hatten wir Glück doch zu einem späteren Zeitpunkt der Reise wurde uns selbiger zum Verhängnis) und frische Bananen. Gemeinsam tauschen wir uns noch über unsere weitere Reiseplanungen aus und schwingen uns wieder auf die Räder.

Es geht durch die ausgedehnten Wohnviertel von Santiago. Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir eine etwa 20 % Rampe und wir fühlen uns wie in San Francisco. Dafür werden wir mit einer sagenhaften Aussicht auf die Bucht von Santiago belohnt. Es geht vorbei am „Plaza de la Revolution“ und durch das quirlige Santiago. Dutzende Motorradtaxis und Fahrradrikschas queren unseren Weg und feieren ein morgendliches Hupkonzert.

Kontinuierlich nimmt die Siedlungsdichte ab und wir gelangen wieder in eine ländlichere Gegend. Es geht durch die Industrievororte der Stadt. Einige Öltrucks überholen schwer qualmend und bahnen sich den Weg zur nahegelegenen Raffinerie. Das Wetter bereitet uns auf eine heiße Etappe vor: Keine Wolke an dem azurblauen Himmel. Die Vegetation besitzt einen mediterran geprägten Charakter. Am Wegesrand stehen grasende Kühe, auf deren Rücken jeweils ein weißer Fischreiher sitzt.

Die Straße folgt dem Küstenverlauf und die karibische See ist meist nicht weiter als 10 Meter entfernt. An einem kleinen von dichten Mangroven bewachsenen Strand machen wir Halt und schauen uns die Überreste eines amerikanischen Kanonenbootes an. Danach fällt unser Blick auf die heftig schaukelnden kleinen Ruderboote der Fischer, die sich ihren Weg durch die starke Brandung kämpfen. Die Straße verläuft weiter parallel zur Küste und es bieten sich beeindruckende Ausblicke auf die von dichtem Nebelwald bewachsenen Hänge der Sierra Maestra. Die verschiedensten Blautöne der karibischen See und des azurblauen Himmels und der leuchtend grünen Vegetation bilden ein eindrucksvolles tropisches Farbspiel. Plötzlich taucht eine Gruppe kubanischer Cowboys auf. Wir fühlen uns versetzt in den wilden Westen. Die Männer kommen direkt aus den Bergen und führen eine größere Herde von Lasteseln, die vollgepackt sind mit frischen Bananen. Die Bananenplantagen liegen in den höheren Lagen der Sierra Maestra und sind meist nur mit dem Pferd und Eseln zu erreichen. Es ist schon gut nachvollziehbar, warum sich gerade hier die Rebellen ihr Hauptquartier eingerichtet haben. Auch im benachbarten Jamaika bevorzugten die Begründer der Widerstandsbewegung die unzugänglichen Höhenzüge der Blue Mountains. Die bis zu 2200m hohen Gebirgszüge der Sierra Maestra sind durch die dichte Bewölkung nur schwer zu erahnen. Über unseren Köpfen kreisen einige Adler in der Thermik 

Das anstehende Gestein wird hier durch die intensive Brandungsaktivität stark eingeschnitten und hat ein mächtiges Kliff herausgebildet. Beeindruckt lauschen wir dem Geräusch der tosenden Brandung. In regelmäßigen Abständen fahren wir jedoch auch an traumhaft schönen palmenumsäumten Sandstränden vorbei. Gegen Mittag machen wir unter der mächtigen Krone eines alten Mangobaumes eine Siesta und essen ein paar Salzkekse. Auf dem sich anschließenden ebenen Streckenabschnitt kommen wir schnell voran. Es herrscht kaum Autoverkehr, so dass wir in aller Ruhe nebeneinander fahren und uns unterhalten können. Wir durchfahren ausgedehnte Wiesenlandschaften auf denen Rinderherden grasen. Immer wieder überholen wir Ochsenkarren, auf denen Zigarre rauchende Feldarbeiter sitzen und sich von den in Zeitlupe bewegenden Ochsen ziehen lassen. Riesige Granitblöcke liegen an den steilen Felswänden und drohen jeden Moment in die Tiefe zu rollen. Allmählich wird die Vegetation wieder tropischer. Die Küste ist jetzt zunehmend von dichten Mangrovenwäldern durchsetzt. 

An einer Bar in Strandnähe machen wir halt, trinken erfreulich kalte Cuba Cola und entspannen im Schatten. Nach der Verschnaufpause rollen wir weiter und die Qualität der Straße wird schlechter. Schlaglöcher übersähen die Straße und grober Schotter macht das Fahren anstrengend. Mit einem normalen Auto würde man hier schon erhebliche Probleme bekommen. Wir queren einige kleine Rinnsale aber die großen Gesteinsbrocken auf der Straße weisen daraufhin, welche Wassermassen hier in der Regenzeit die Straße überfluten. Einige der Brücken weisen auch erhebliche Überschwemmungsschäden auf. Danach steigt die Straße wieder gewaltig an und wir müssen noch mal richtig in die Pedale treten. Dafür werden wir am Scheitelpunkt mit einem grandiosen Blick auf die unter uns liegende Mangrovenküste belohnt. Es geht eine rauschende Abfahrt hinab zurück an die Küste und wir biegen in die unscheinbare Einfahrt des Hotels „Guama“ ein. Die Chefin des Hauses zeigt uns unsere Holzhütte, die über eine schöne Außenterrasse verfügt, von der wir einen wunderschönen Blick auf den Sonnenuntergang über der unter uns liegende Mangrovenküste haben. Nach einer Verschnaufpause schlendern wir ins Bistro. Leider ist das Glück nicht auf unserer Seite, denn kurz bevor wir uns hinsetzen gibt es einen Stromausfall und das Licht bleibt aus. Im schummrigen Kerzenlicht setzt man uns einen gebratenen Fisch mit Reis vor. Nur schwer können wir die vielen Gräten im Fisch erahnen und sind hauptsächlich damit beschäftigt die Abermillionen von Moskitos fernzuhalten. Den restlichen Abend verbringen wir auf unserer Terrasse und genießen den unglaublich intensiven Sternenhimmel über der weiten Bucht, der von keiner künstlichen Lichtquelle beeinflusst wird. 

[…]

La Mula – Marea del Portillo ( 65km)

Gegen halb acht verlassen wir unsere unbequemen Stockbetten und laufen zum Restaurant. In dem gleichen Moment fährt ein mit Feldarbeitern vollgepackter LKW auf den Campingplatz. Die Leute springen von der Ladefläche des LKWs und setzen sich in den Schatten. Kurz danach ertönen die ersten lauten Reggaeton-Klänge aus den Boxen. Ein Kellner bringt uns einen Teller mit fettigem Käse und einer komisch anmutenden Scheibe Wurst. Da wir unsere Mägen vor weiteren Schäden schützen wollen ersparen wir uns dieses Frühstück und greifen stattdessen lieber auf auf unsere Müslireserven zurück und radeln anschließend weiter.

Stundenlang fahren wir alleine auf dieser abgelegenen und nur schwer passierbaren „Straße“. Trotz des teilweise bedeckten Himmels weißt die Sonne eine hohe Einstrahlungsintensität auf. In diesem Teil der Strecke gibt es so gut wie keine Besiedlung, da der Küstenstreifen einfach zu schmal ist. Eine Gruppe von Cowboys auf Pferden überholt uns lässig und bietet uns einen Schluck Rum aus ihrer Plastikflasche an. Als wir dankend ablehnen, schauen sie uns etwas verdutzt an und reiten weiter.

Nach einiger Zeit zweigt die Strecke ins Inland ab und steigt stark an. Unser Vorankommen gleicht jetzt einem Schneckentempo und der Schweiß fließt in Strömen. Die immer weiter ansteigende Straße offenbart beeindruckende Ausblicke auf die Steilküste und die türkis schimmernde Karibik. Wieder kreisen Greifvögel in der Thermik über unseren Köpfen. Am Scheitelpunkt treffen wir ein englisches Radreisepaar mit dem wir unsere Erlebnisse austauschen. Auch sie erzählen von der schlechten Versorgung mit Lebensmitteln. 

Anschließend geht es auf einer rasanten Abfahrt wieder zurück auf Meeresniveau. Doch leider müssen wir schon nach wenigen hundert Metern wieder alles zurück hinauf klettern. We are caught in a rollercoaster! Die Sonne brennt in einer unglaublichen Intensität auf uns nieder. Kurz vorm Zusammenbrechen erreichen wir den Scheitelpunkt und werfen uns erleichtert unter einen schattigen Mangobaum. 

Nach einer Siesta fahren wir weiter, rollen wieder abwärts und überqueren eine halb eingestürzte Brücke. Die erbarmungslose Sonnenstrahlung verstärkt unser Verlangen nach einem kalten Getränk, doch leider gibt es keinerlei Anzeichen menschlicher Besiedlung. Erneut geht es steil hinauf und wir müssen Schwerstarbeit leisten.

Nach einer erneuten rasanten Achterbahnabfahrt hinab zur Küste biegt die Straße ins Inland ab und durchquert eine weite Wiesenlandschaft in der viele Ziegen und Schafe weiden. Unter einem weit ausladenden schattigen Baum machen wir halt und essen unsere letzten Salzkekse. Eine Herde Ochsen wird von auf Pferden sitzenden Cowboys angetrieben. Die Zigarre rauchenden Männer winken uns freundlich zu und verschwinden wieder in der Weite der Landschaft .This is Marlboro Country! Einige Kilometer folgen wir weiter der glühend heißen Steppenlandschaft und machen in einem kleinen Dorf Halt.

Die Leute sagen uns, dass es hier angeblich einen kleinen Kiosk geben soll, doch leider hat dieser gerade Mittagspause. Für eine Weile setzen wir uns in den Schatten zu den Dorfbewohnern und dösen. Endlich macht die Bude auf und wir gönnen uns einige Dosen eiskalter Orangenlimonade. Erfrischt radeln wir weiter. Nach wenigen Kilometern erreichen wir dann ein kleines Hotel am Ortsende von „Marea del Portillo“ welches über einer traumhaft schönen Bucht liegt. Bevor wir in die Einfahrt einbiegen, treffen wir wieder das schweizer Radreisepaar mit dem kleinen Kind. In tiefster Entspannung sitzen sie auf ihrer bunten Picknickdecke unter einem Baum und winken uns freundlich zu. Wirklich beeindruckend in mit welcher Entspannung die drei unterwegs sind. Aber wir rauschen nur schnell vorbei, denn wir können es kaum mehr abwarten, endlich ins Wasser zu kommen. Für 40 Euro bekommen wir ein luxuriöses Hotelzimmer und springen wenige Minuten später in den erfrischenden Hotelpool. Das Abendessen nehmen wir im hoteleigenen Restaurant ein und verbringen den restlichen Abend mit eiskaltem Bier am Pool. 


Hotel „Villa Porta“ – Playa Los Colorados

Nach einer erholsamen Nacht freuen wir uns über das deftige Frühstück mit Spiegelei und Toast. Der Himmel ist noch leicht bedeckt und die Temperaturen noch erträglich. Die ersten zehn Kilometer verlaufen komplett flach durch eine leuchtend grüne Weidelandschaft. Doch dann steigt die Straße stark an und schlängelt sich die Berge hinauf. Mittlerweile haben sich auch die letzten Wolken vom Himmel verzogen und unser Schweiß fließt wieder in Strömen.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa fünf Km/h kämpfen wir uns weiter den Berg hinauf und lassen die Karibikküste hinter uns. Am Scheitelpunkt lege ich mich auf die kühlenden Marmorplatten einer Gedenktafel und schaue eine Weile in den blauen Himmel. Nach einer längeren Siesta fahren wir weiter. Die Strecke führt durch eine grüne und fruchtbare Hügellandschaft. Immer wieder genießen wir die rauschenden Abfahren der welligen Landschaft. 

Nach einiger Zeit erreichen wir dann eine weit ausgedehnte Zuckerrohrebene. Links und rechts von uns nichts als Zuckerrohr. Keinerlei Schatten erleichtert die Fahrt und die Sonne ist erbarmungslos. An einer Tankstelle machen wir einen kurzen Stopp, um unsere Flüssigkeitsreserven wieder auf Vordermann zu bringen und fahren dann links ab nach Los Colorados. Mit durchschnittlich 20km/h kommen wir schnell voran aber durch das monotone Landschaftsbild erscheint die Stecke unwahrscheinlich lang. Die Hitze ist unerträglich: kein noch so kleines Lüftchen sorgt für Abkühlung in der schwülwarmen Tropenluft.

An einer weiteren Tankstelle am Ortseingang von Niquero gönnen wir uns einen eiskalten Guavensaft. Dann geht es weiter durch die Kleinstadt. Es herrscht ein quirliges Treiben: Hunderte von Menschen stehen vor den geschlossenen Läden, Kutschen und LKWs bahnen sich ihren Weg durch die engen Straßen der Stadt. Die meisten Häuser von Niquero sind komplett aus Holz gebaut und erinnern uns stark an die Salonhäuser von Wildwestfilmen. Das Gefühl des wilden Westens wird durch die vielen Kutschen und Pferde im Straßenbild deutlich verstärkt. Nachdem wir unsere Wasservorräte aufgefüllt haben, geht es weiter. 

Die Besiedlung wird allmählich lichter und die Kutschen und Ochsenkarren werden seltener. Die Asphaltdecke wird zunehmend schlechter. Sie scheint aus 100.000 Einzelteilen zusammengesetzt worden zu sein und wir werden kräftig durchgeschüttelt. Es geht durch kleine Dörfer, die sich entlang der Straße ziehen. Immer wieder rennen Hähne und Hunde über die Straße. In den Vorgärten der kleinen Holzhäuser blüht Bougainvillea und andere tropische Zierblumen. Zwischen den Häusern stehen oft riesige Bäume mit weit ausladenden Kronen, die viel Schatten spenden. Unter den Bäumen sitzen einige der Dorfbewohner und machen Siesta. Es fällt uns auf, dass hier viele neue Steinhäuser gebaut werden. Einige Leute leben zum Teil noch in ihren alten Holzhäusern doch neben ihrem Haus entstehen bereits erste Steinhausfundamente. Später erfahren wir, dass diese Region stark von dem katastrophalen Hurrikan im Jahre 2005 zerstört wurde. Die Regierung hat den Menschen in der Region spezielle Subventionen angeboten um stabilere Häuser zu bauen. 

Die letzten 15 km zum Strand ziehen sich in die Länge, dann erreichen wir endlich die Abzweigung zum Campingplatz. Beim Einchecken erfahren wir, dass der Platz wegen Restaurierungsarbeiten leider geschlossen sei. Trotzdem bekommen wir die Möglichkeit in dem Kiosk des Platzes ein paar Getränke und Snacks zu kaufen. Wir setzen uns in den Schatten, trinken einige Limonaden und sind etwas ratlos was wir jetzt machen sollen. Ein junger Mann kommt auf uns zu und bietet an, dass er uns eine Privatunterkunft beschaffen könne. Er führt uns mitten durch eine Bananenplantage in der einige einfache Holzhäuser stehen. Der junge Mann bittet uns herein in sein etwa 15qm2 großes Haus, wo er mit seiner Familie in einfachsten Verhältnissen lebt. Wir bedanken uns für die große Gastfreundschaft, entscheiden uns jedoch dafür am Strand zu zelten. 

Jetzt lockt erst einmal das türkisglitzernde Wasser der Karibik. Nach dem erfrischenden Bad, bauen wir unsere Zelte direkt am Strand auf. Etwas später treffen wir einen jungen Berliner der als freier Journalist arbeitet und einen Bericht über einen Drehorgelspieler aus Niquero schreibt. Er erzählt uns, dass er eine kubanische Freundin hat. Zur Zeit lebt er bei ihrer Familie, die in sehr armen Verhältnissen in einem nahe gelegnen Bananenhain lebt. In den letzten Wochen hatte er wohl häufig mit dem Denguefieber zu kämpfen.

Unter einem großen Baum bauen wir unsere Zelte auf und genießen den sagenhaften Sonnenuntergang. Wir beobachten wie die Fischer ihre letzten Runden ziehen und machen uns dann an die Zubereitung unseres Abendessens: Auf unserem Kocher zaubern wir uns eine fabelhafte Pastasauce und zum Dessert gibt es halb geschmolzene Urwaldschokolade aus Baracoa. Während des Essens werden wir leider penetrant von einer Gruppe streunenden Hunden umlagert, die wir aber mit ein paar gezielten Steinwürfen auf Entfernung halten können. Der Sternenhimmel leuchtet intensiv über unseren Köpfen. Am späten Abend setzen wir uns für eine Weile zu den Wachleuten des ansonsten leeren Campingplatz und erzählen über das Leben in Deutschland. Das beständige Meeresrauschen wiegt uns anschließend rasch in den Schlaf.