Nov
2014

Radreise Madagaskar 

Im Rahmen einer geführten 1000 km langen Tour vom Hochland bis in den Norden habe ich einen tiefen Einblick in die geografische und kulturelle Vielfältigkeit der Insel bekommen. Lesen Sie unten Auszüge meines Reisetagebuchs!

Auszug aus dem Reisetagebuch

Ampefy – Wasserfall (35 km Piste, 28 km Asphalt)

Um 7.30 Uhr verlassen wir unser Hotel. Die Sonne hat bereits um diese Uhrzeit eine beachtliche Intensität erreicht. Die Strecke verläuft parallel zum Seeufer des Lac Kavitahas und steigt dann steil an. Nach etwa fünf Kilometer biegen wir linker Hand auf eine schmale Piste ab. Die buckelige, ausgewaschene Lateritpiste erfordert beinahe unsere gesamte Aufmerksamkeit. Große Leguane kreuzen in Seelenruhe die Piste. Bauern mit Hacke und Spaten winken uns freundlich von den Feldern aus zu. Muskulöse Zebus ziehen gewaltige Ochsenkarren hinter sich her.

Schweißüberströmt erreichen wir den Eingang zu den „Chutes de la Lilly“- Wasserfällen. Schnell sind wir umringt von einer Schaar von hartnäckigen Souvenirverkäufern. Wir lassen unsere Räder zurück, laufen durch das kleine Dorf Antofofo und begutachten die alte Mühle. Unser madagasischer Guide Fernando erzählt, dass sich hier einige seiner Teilnehmer bereits Bilhazerhose eingefangen haben, und daher nehmen wir Abstand von einer erfrischenden Abkühling im kalten Nass. Laut Fernando ist dieser Ort ein beliebter Wochenendausflugsort der Madagassen. Früher entspannten sich hier wohl auch gerne die französischen Kolonialherren. Der eindrucksvolle Wasserfall ist mit überdimensionierten Seerosen übersäht, deren Blätter durch die starke Gischt des Wasserfalls schön leuchten.


Wir satteln wieder auf unsere Stahlrösser und kämpfen uns die fünf Kilometer zurück zur Hauptstraße. Die weitere Strecke durchquert eine hügelige, baumlose, aber fruchtbare Vulkanlandschaft. Im nächsten Ort kaufen wir an einem Straßenstand etwas Obst ein. Am Ortsende werden wir von zwei Militärpolizisten angehalten, aber sie verstehen schnell, dass bei uns nicht viel zu holen ist. Nach einer steilen Abfahrt biegen wir rechter Hand auf eine miserable Buckelpiste ab. Als Entschädigung für die ganze Rüttelei bekommen wir einen Einblick in das Allttagsleben in den kleinen Dörfer. Menschen sitzen unter den Bäumen und winken uns zu. Plötzlich rast eine Gruppe Schulkinder hinter uns her und macht sich einen riesen Spaß daraus, uns zu verfolgen. Neben dem herausfordenden Untergrund müssen wir uns jetzt noch mit einer Truppe aus Verfolgern auseinandersetzen. „Na dann mal Prost Mahlzeit!“

Glücklicherweise geht es jetzt abwärts in einen steilen, engen Canyon. Endlich erreichen wir das Gelände der Geysire. Das heiße Wasser sprudelt an einigen Stellen aus dem Wasser und hat durch die Schwefel- und Eisenablagerungen bizarre Farbmuster an der Erdoberfläche gezaubert. Unter einem Holzverschlag machen wir Siesta und genießen zuckersüße Mangos, Papayas und Bananen. 


Danach beginnt der quälende Rückaufstieg hinaus aus der engen Schlucht. Die unbarmherzige Mittagssonne in Kombination mit der rutschigen und welligen Piste lässt den Schweiß in Strömen fließen. Christian und ich fragen uns, wie der Reiseveranstalter in seinem Programm behauptet, dass man diese Radtour auch gut mit einem 28 Zoll Rahmen fahren könne. Um nichts in der Welt würden wir zum jetzigen Zeitpunkt unsere kleinen wendigen 26 Zoll-Räder mit ihren breiten Reifen gegen ein 28 Zoll-Rad tauschen wollen.
 

Nach gefühlten Stunden erreichen wir den lang ersehnten Abzweig zur Hauptstraße. Mittlerweile ist der Himmel schon bedrohlich schwarz geworden und kündigt ein tropisches Gewitter an. Ab jetzt legen wir den Turbogang ein und rasen die letzen drei Kilometer in den nächstgelegenen Ort und nehmen Unterstand in einer einfachen Wellblech-Bar. Der Regen prasselt auf das Wellblech, so dass wir unsere eigenen Worte nicht mehr verstehen können. Vom Ausblick des Vordachs beobachten wir, wie eine laut schnatternde Gänseherde durch den strömenden Regen getrieben wird. Wir setzen unsere Tour fort und erreichen gegen 16 Uhr komplett durchnässt das Hotel. Abends sitzen wir auf der Terrasse des Hotels bei gebratenem Zebufleisch und lauschen dem prasselnden Regen. Aufrund der starken physischen und auch konzentrativen Anspannung erlebe ich den Nachtschlaf als einen komatös ähnlichen Zustand.
 

Tana-Mantasoa (77 km; davon 45 km Piste)

Um sieben Uhr sitzen Simone, Christian und ich am Frühstückstisch unseres Hotels und essen ein Baguette mit Omlette. Wir satteln auf und bahnen uns den Weg durch das frühmorgendliche Verkehrschaos von Antananarivo (Tana). Nach wenigen Kilometern verlassen wir die Hauptstraße und biegen auf eine kleine Piste ab. Die Piste schlängelt vorbei an den Hinterhöfen und den Slumvierteln der Stadt. Hühner und Ziegen laufen wild umher, und Schulkinder in feiner sauberer Uniform bahnen sich den Weg vorbei an den vielen Pfützen. Über einen Damm verläuft der Weg über die weiten Reisfelder. Menschen sitzen im Wasser, frühstücken und waschen dabei ihre Wäsche.

Bei einem hektischen Fahrmänover reiße ich mir den Knöchel an meinem linken Klickpedal auf. Klickpedale haben bei derartig schlechten Straßenverhältnissen wohl doch besser nichts mehr am Reiserad verloren. Simone hilft mir mit Verbandszeug aus, und schnell sitzen wir wieder im Sattel und erreichen die Asphaltstraße. Die Straße steigt jetzt steil an und führt uns vorbei an den gut gesicherten Villen der wohlhabenden Bevölkerung der Stadt. Von hier oben hat man einen schönen Ausblick auf Tana. Jetzt verlassen wir die dichte Bebauung, und die Straße verläuft entlang kleinerer Ortschaften. Viele der kleinen Orte kleben an den steil abfallenden Hängen der Berge. Immer wieder stechen die kleinen bunten Kirchentürme hervor. Freundlich, aber zurückhaltend grüßen uns die Menschen am Wegesrand. 

Gegen Mittag erreichen wir das kleine Städtchen Anjeva. Das alte koloniale Bahnhofsgebäude verleiht der Stadt einen morbiden Charme. Die Bahngleise sind wahllos überwuchert. Hier fährt schon lange kein Zug mehr. Die winzigen, eingeschossigen, oft nur Ein-Zimmer großen Häuser erinnern mich an die Städte bei Jim Knopf in Lummerland.


Überhitzt nehmen wir auf den Holzhockern eines einfachen Straßenrestaurants Platz und freuen uns auf kalte Getränke. Aufgrund der mangelnden Elektrizität zerplatzt schnell unsere Hoffnung, und es bleibt nur eine brühwarme Cola übrig. Dazu verspeisen wir einen eher mäßige Reis mit Huhn mit spei scharfer Chilisoße. Beim Essen beobachten wir die Scharen von dicken grünen Fliegen die auf dem frittierten Hühnchen sitzen. Nach der Pause geht es wieder steil bergauf. Wir verlassen die Asphaltstraße und biegen auf eine schlechte Buckelpiste ab. Der Lateritstein in Kombination mit der starken Erosion hat hier wirklich ein mörderisches Buckelterrain erschaffen. Jegliche Gespräche innerhalb unserer Reisegruppe verstummen und werden durch lautes Fluchen abgelöst. Es ist einfach sausteil und verdammt rüttelig hier. Der Blick ruht immer nur wenige Meter vor dem Vorderrad, um sich einen möglichst schmerzfreien Weg durch das Buckelterrain zu bahnen. 

Die Landschaft wird zunehmend grüner, und es tauchen mehr Eucalyptuswälder auf. Von den natürlichen Wälder ist dank der starken Abholzung zur Feuerholznutzung nicht mehr viel übrig geblieben. In den Vorgärten der Leute leuchten die buntesten Tropenblumen um die Wette. Riesige Granitmonoliten ragen aus der Landschaft hervor. In einem der Dörfer beobachten wir ein buntes und rauschendes Dorffest. Es folgt der letzte steile, etwa sieben Kilometer lange Anstieg hinauf zum 1500 m gelegenen Stausee. Ich bin körperlich und geistig total zerstört und kurz davor aufzugeben. Niemals hätte ich geglaubt, wie anstrengend das Fahren auf diesen schlechten Pisten ist. 
Endlich erreichen wir das Eingangsschild vom „Chale de Suisse“. Das von einem Schweizer Paar betriebene Forsthaus erscheint hier wie aus einer fremden Welt. Als wären wir plötzlich auf einer Schweizer Hochalm angekommen, betreten wir das rustikale Interior des Forsthauses. Wir schieben unsere Räder über einen Deich zu einer Hotelanlage und beziehen unsere überraschend luxeriösen Zimmer. Nach einer leckeren Pizza fallen wir anschließend in einen komatösen Tiefschlaf.

Mantosoa – Andsibe (90 km; davon 15 km Piste)

Gegen acht Uhr verlassen wir unser Hotel und setzen unsere Tour in Richtung Ostküste weiter fort. Als Einstand des heutigen Tages folgt mal wieder eine deftige steinige Piste, die einem herausfordernden Hügelprofil folgt. Nur selten können wir den Blick von der Piste abwenden, um einen schnellen Blick auf die von Eucalyptuswäldern bewachsenen Hügel zu erhaschen. Nach fast zwei Stunden erreichen wir schweißgebadet den Abzweig zur Asphaltstraße. Ab jetzt geht es steil hinab vom Hochland in die steilen, von üppigem Regenwald überwachsenen Flanken des östlichen Randgebirges. Reißende Flüsse verlaufen parallel zur Straße, häufig übetönt ihr Schäumen alle anderen Geräusche. Genussvoll lassen wir uns über die gut ausgebaute Passtraße in Tiefe hinab rauschen und sind verzaubert von dem üppigen Grün und den weiten Ausblicken auf die vom Regenwald bedeckten Hänge. LKWs mit leuchtend roten Mangos kommen uns von der Küste aus entgegen. Wir erreichen den Eingang eines kleinen Zoos mit dem Namen „Madagaskar exotix“. Neben dem kleinen Kassenhäuschen leuchten bunte Tropenblumen um die Wette. Ein lokaler Zooführer zeigt uns die unterschiedlichen Chamäleonarten der Insel. Fasziniert bestaunen wir die leuchtenden Farbmuster der Tiere und kriegen auch demonstriert, in welcher blitzartigen Geschwindigkeit sie ihre Beute schnappen können. Nach diesem Einblick in die vielfältige Fauna der Insel gönnen wir uns eine zuckersüße Ananas und einige Bananen. Einigermaßen gestärkt machen wir uns weiter auf den Weg.

Die kommenden 40 km folgen einem ständigen Auf und Ab. Die Zenitalsonne und die hohe Luftfeuchtigkeit fordern uns einiges ab. Ermattet erreichen wir ein kleines Straßenrestaurant, wo jeder von uns mindestens ein Liter Cola trinkt. Außer ein paar trockenen Keksen gibt es nichts anderes zu kaufen. Simone und ich kommen zu dem Schluss, dass es wohl deutlich strategischer gewesen wäre, bereits gestern ein Teilstück der heutigen sehr langen Etappe zu fahren. Gegen 15 Uhr erreichen wir dann endlich den Ort, wo wir unser Mittagessen einnehmen wollen. Nass geschwitzt und extrem zerstört lassen wir uns auf die weißen Plastikstühle des Straßenrestaurants nieder. Die große Portion Reis mit Hühnchen kann unsere extremen Energiedefizit wieder einigermaßen augleichen. 

Das letzte Teilstück der heutigen Etappe entpuppt sich als ein landschaftliches Juwel. Wir durchfahren kleine Ortschaften in Holzpfahlbauweise. Menschen sitzen am Wegesrand und schneiden sich gegenseitig die Haare. Das Fahren in der untergehenden Sonne ist angenehm, und die tropische Landschaft leuchtet in einem intensiven Goldgrün. Gegen 18 Uhr erreichen wir die Forest Lodge von Marie und bekommen wunderbares Zebusteak in grüner Pfeffersoße serviert.

Wanderung im Mantadia Nationalpark

Beim Frühstück unterhalte ich mich mit einem älteren australischen Paar über die hohe Biodiversität der nahegelegen Nationalparks. Neben dem Frühstückstisch stehen die mächtigen Zoomobjektive ihrer Kameraausrüstung. Begeistert erzählen die beiden mir, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens mit dem Fotografieren von Wildvögeln verbracht haben. Auf der Suche nach interessanten Arten hat es sie in die entlegensten Regionen der Erde verschlagen. Bereits mehrmals waren sie schon in Madagaskar unterwegs und die Vielfalt der Arten hat es ihnen hier speziell angetan. Heute verzichten wir lieber auf dir ursprünglich geplante Radtour zum Eingang des fast 25 km entfernten Nationalparks. Laut Fernandos Beschreibung handelt es sich um eine anspruchsvolle und schlecht ausgebaute Piste. Wir wollen heute jedoch lieber die geplante dreistündige Wanderung durch den Park genießen und nehmen uns daher ein Taxi. Am Rand von Andasibe stoppen wir auf dem Wochenmarkt und kaufen eine Ananas und einige Bananen als Proviant. 

Schnell erreichen wir die Ausläufer des Nationalparks. An den Rändern des Parks kommen wir an den durch Brandrodung abgebrannten Feldern vorbei. An einigen Stellen beobachten wir auch die Herstellung von Holzkohle. Holz ist auf Madagaskar noch immer einer der verbreiteten Brennstoffe und daher schreitet die Entwaldung gnadenlos voran.

Allmählich verdichtet sich zunehmend der Wald und mächtige tropische Harthölzer dominieren das Waldbild. Bunte Baumblüten durchbrechen immer wieder das üppige Grün der mächtigen Kronen der Urwaldriesen. Nach fast anderthalb Stunden Fahrt auf der extrem holprigen Piste erreichen wir den Parkplatz. Hier verlassen wir das Auto und folgen gemeinsam mit einem lokalen Führer einem Pfad hinein in das Reservat. Da wir uns am Ende der Trockenzeit befinden, zeigt sich der Wald weniger spektakulär. Nur wenige Orchideen und Baumblüten sind hier zu sehen. Dafür beeindrucken mich die Vielzahl von Lianen und Flechten. Da der Jahresniederschlag nur bei etwa 1500 mm liegt, haben einige Bäume sukkulente Blätter entwickelt. Immer wieder verlassen wir den Pfad und laufen querfeldein mitten durch den Wald um die Lemuren zu entdecken. Das laute Rufen der Lemuren ist über weite Entfernung zu vernehmen und die Tiere können so über weite Entfernungen kommunizieren.

Dann geht es steil hinauf auf einen der steilen Hügel. Beim Aufstieg müssen wir uns immer wieder an den Lianen festhalten, um nicht abzurutschen. Zwischen den Baumwipfeln bietet sich unser ein weiter Ausblick auf die tropische Berglandschaft des Parks. Mächtige Brettwurzeln versperren uns immer wieder den Weg. Plötzlich ertönt ein lautes Knacken von Ästen und eine große Lemurenfamilie schwingt sich direkt über uns von den Baumwipfeln. Tief beeindruckt verfolgen wir die Kletterkünste der plüschigen schwarz-weißen Tiere. Genau über uns bleiben sie auf einem Ast sitzen und wir beobachten uns gegenseitig. Anschließend laufen wir zurück zum Auto und genießen bei einem Picknick die zuckersüßen Ananas. Auf dem Weg hinaus aus dem Park entlässt uns der Fahrer an einem kleinen Wegabzweig, hier folgen wir einem von riesigen Farnen überwucherten Weg zu einem traumhaft schönen Wasserfall. Der tief im Wald gelegene Wasserfall ergießt sich über mehrere Etagen in ein weites Becken. Simone badet in dem kalten Wasser und ich lege mich auf einen großen Granitblock und lausche dem beständigen Rauschen des Wassers. Was für ein paradiesischer Ort!

Nach der Pause fahren wir zurück nach Andasibe, wo uns Mary eine schmackhaftes Abendessen zubereitet. Nach dem Abendessen machen wir noch eine Nachtwanderung durch das nahegelegene Analamazaotra Reservate. Beeindruckt lauschen wir hier den nächtlichen Geräuschen des Waldes und entdecken schöne Chamäleons und Frösche im Licht unserer Kopflampen. 

Andasibe – Brickaville (115 km)

Kurz nach Sonnenaufgang nehmen wir noch ein leckerers Frühstück bei Marie ein und verabschieden uns dann von unserer freundlichen Gastgeberin. Für die ersten 60 km des Tages geht es weitgehend bergab. Die Strecke führt uns durch eine leuchtend grüne tropische Bergwelt. Tosende Wasserfälle rauschen in die Tiefe. Pfahlbauten an den steilen Hängen der Berge. Dichte Bananenhaine schmücken den Straßenrand. Immer wieder sausen wir weiter hinab in die tropische Üppigkeit des Osten Madagaskars. Keuchende, marode LKWs bahnen sich im Schneckentempo ihren Weg hinauf ins Hochland. Einige der LKWs sind mitten auf der Straße liegen- geblieben, da sie einen Motorschaden haben. Die Sonne brennt, und die tropische Luftfeuchtigkeit zehrt an meinen Kräften. Ich falle immer weiter zurück in unserer Gruppe. Gegen 12 Uhr ist die Hitze kaum noch zum auszuhalten und wir machen einen Getränkestop in einer kleinen Bude am Straßenrand. Fernando macht Druck, dass wir jetzt bitte schneller weiterfahren müssten, da wir ansonten nicht das Tagesziel erreichen würden. Nach etwa 85 km erreichen wir dann doch endlich den kleinen Ort, in dem Fernando das Mittagessen geplant hat. Jeder bekommt eine große Portion Reis mit etwas Soße und weißen Bohnen. Die tropische Mittagshitze hat uns mittlerweile allen extrem zugesetzt. Wir legen uns auf die Holzbänke des Restaurants und machen eine kurze Siesta. Vorm Einschlafen fällt der Blick auf die stark verschmutzten Plastiktischdecken und die Schaaren von grünen Fliegen, die um uns herum tanzen.

Gegen 15 Uhr machen wir uns dann auf zu den letzten 30 km des heutigen Tages. Es geht wieder steil bergauf. Einige Jungs begleiten uns für ein Stück auf ihren alten Fahrrädern. In den kleinen Ortschaften werden die geernteten Litschis in Körber aus geflochtenen Bananenblättern gepackt. Glücklicherweise lässt die Sonnenintensität etwas nach, und das Fahren ist nicht mehr ganz so anstrengend. Endlich erreichen wir die Ausläufer von Brickaville. Die Handgelenke schmerzen nach fast sieben Stunden Radfahren. In der Kolonialzeit hatte die Stadt eine wichtige Bedeutung, denn hier gab es eine große Zuckerraffinerie und einen Bahnanschluss. Heute hat die Stadt deutlich an Bedeutung verloren und dient hauptsächlich als Umladeplatz für den Litschieexport. 

Wir erreichen ein einfaches Hotel und erhalten nach zähen Verhandlungen drei Einzelzimmer. Man berichtet, dass das Hotel erst letztes Jahr von einem chinesischen Investor neu gebaut wurde. Komischerweise scheint trotz des jungen Alter des Hauses alles etwas in Jahre gekommen zu sein. Die Zimmer scheinen relativ modern zu sein, aber schnell zeigt sich, dass dies nur ein oberflächlicher Schein ist. Nur eine unserer insgesamt 9 Steckdosen funktioniert. Beim Aufhängen meines Handtuchs reißt in meinem Zimmer der letzte Handtuchhalter aus der Wand. Alles „Made in China“! Zum Abendessen bekommen wir nur mäßig schmackhafte und extrem fettige Zebusteaks mit kalten Pommes serviert. Trotz der gefühlten 50 Grad Nachttemperatur schlafe ich nach wenigen Minuten ein. 

Brickaville – Ankanin ’ny Nofy (20 km; davon 12 km Sandpiste)

Nach fast 10 Stunden Schlaf verlassen wir gegen 9 Uhr unser Hotel und radeln weiter entlang der Nationalstraße. Der LKW-Verkehr ist heute deutlich stärker als gestern und wieder geht es steil bergauf. Nach etwa 12 km biegen wir rechter Hand auf eine schmale Piste ab. Das Vorankommen stellt sich ab jetzt als extrem schwierig heraus, da die Piste viele tiefe Sandpassagen enthält. Ständig rutscht uns das Hinterrad weg und ich falle beinahe eine steile Böschung hinab. Nach zwei Stunden schweißtreibender Arbeit auf der Piste erreichen wir ein Dorf am Kanal von Pangale. Der parallel zum Indischen Ozean verlaufende Kanal wurde von den Franzosen als Transportstraße erbaut. 

Wir stellen unsere Räder ab und laufen entlang des weiten Sandstrandes des Badesees und begutachten die stark in die Jahre gekommenen Holzhütten. Die besten Jahre scheinen hier bereits vorüber zu sein. Danach verladen wir unsere Stahlrößer auf die Einbaumboote und überqueren den See zu unserem Hotel. Unter dem Namen „Traumnest“ war der See schon in kolonialer Zeit ein beliebter Ausflugsort für wohlhabende Familien. Vom Boot aus beobachten wir die dichten Mangrovenwälder am Ufer. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir die andere Seite des Sees und beziehen wunderschöne Naturbungalows im Rundhüttenstil der Anlage „La Palmeraie“. Die luftigen Bungalwos liegen inmitten eines üppig grünen botanischen Gartens und sind sehr geschmackvoll eingerichtet. Auf der Terrasse der Bungalows hängen wir stundenlang in den Hängematten und genießen den kühlenden Seewind und das Geräusch des schäumenden Wassers. Mittags kehren wir in das schön gelegene Terrassenrestaurant ein. Ich esse eine vorzügliche Portion Riesengarnelen mit Kartoffeln und Gemüse.

Ruhetag am Kanal von Pangale

Nach einem abwechslungsreichen tropischen Frühstück mit Blick auf den Kanal ziehe ich mich wieder in meine Hängematte zurück und lausche für Stunden dem Rauschen der Palmwedel im Seewind. Die letzten Tage waren extrem anstrengend und ich genieße die körperliche und geistige Entspannung. Am Nachmittag folgen wir einem kleinen Pfad durch den dichten Sekundärwald in Richtung des indischen Ozeans. Am Wegesrand faszinieren mich speziell die unterschiedlichen Fleischfressenden Pflanzen. Dann verlassen wir den Wald und stehen plötzlich an einem unendlich weiten, weißen Sandstrand. Das gleichmäßige Rollen der tosenden Brandung des indischen Ozeans begleitet uns auf dem Spaziergang über den Strand. Der starke Seewind macht die schwülen tropischen Temperaturen deutlich erträglicher. Fasziniert begutachten wir die traditionellen Langbäume der Fischer, die auf dem Strand stehen.
 

Danach besuchen wir ein traditionelles Fischerdorf. Die Menschen leben hier in einfachen aus Palmwedeln gedeckten Holzhütten. Elektrizität und Wasseranschluss scheint es nicht zu geben. Hühner und laufen mit Kinderscharen um die Wette. Dann besuchen wir die lokale Grundschule. In der ca. 20qm2 großen Holzhütte finden etwa 40 Kinder auf den einfachen Holzbänken Platz. Der Unterricht ist bereits beendet und wir nutzen die Zeit für einen Erfahrungsaustausch mit einem der Dorfschullehrer. Er berichtet, dass nur wenige der Kinder überhaupt das Geld hätten um Stifte und Papier kaufen zu können. Für die Kinder ist der Schulbesuch etwas ganz besonderes, da sie ansonsten meist den ganzen Tag beim fischen helfen müssen. Neben den monatlichen Ausgaben für Reis hätten die meisten Familien, die an diesem Küstenabschnitt leben kaum weitere finanzielle Mittel. In dem einzigen Kramerladen des Ortes kaufen wir eine Kiste Kugelschreiber und ein Stapel Hefte und spenden diese der Schule. Aus dem Nebengebäude steigt beißender Rauch auf, da man hier gerade dabei ist einige der gefangenen Fische auf dem offenen Feuer zu braten. Die extreme Armut in Madagaskar schockiert mich doch immer wieder aufs Neue.

La Palmarium – Toamasina (92 km; davon 17 km Piste)

Die ganze Nacht prasselt der Regen auf das Dach unserer Hütte. Um 6 Uhr bekommen wir ein leckeres Frühstück mit frischen Mangos und Papayas. Gegen halb acht verlassen wir die Anlage auf einer winzigen Piste quer durch den dichten Sekundärwald. Immer wieder werden wir von der dichten Vegetation umstrichen und müssen umgefallenen Baumstämmen ausweichen. Dann erreichen wir den Strand und schieben die Räder durch den tiefen Sand. Anschließend geht es zurück in den Wald, und ab jetzt besteht der Untergrund aus zähklebrigem Lateritschlamm. Passend dazu steigt die Piste immer wieder steil an, und wir sind gezwungen abzusteigen und zu schieben. Einfache Holzplanken dienen als Brückenersatz über Flüsse und Bäche, und es erfordert schon einges an Balance, hier nicht mit dem vollgepackten Rad abzurutschen. Dichte Mückenschwärme umkreisen uns. Gut, dass ich mich dieses Mal für eine Malariaprophylaxe entschieden habe, denn das Malariariskio scheint hier nicht unerheblich zu sein.

Das kniehohe Gras schneidet uns beim Vorbeifahren die Unterschenkel auf. Der zähe Lateritschlamm setzt sich zwischen den Schutzblechen und den Bremsen fest und blockiert die Räder. Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt ab, und wir beginnen lauthals zu fluchen. Der Schweiß rinnt uns in Sturzbächen von der Stirn und tropft laut auf den tropischen Boden. Immer wieder geht es steil bergauf. Die kleine Piste führt uns vorbei an winzigen Dörfern, Kinder spielen Fußball und bleiben fasziniert stehen als plötzlich drei „Vazahs“ mit Fahrrädern ihr Dorf durchqueren. Nach zweieinhalb Stunden Martyrium und etwa 17 km erreichen wir erschöpft den Abzweig zur Asphaltstraße. Nachdem wir unsere Räder vom Lateritschlamm befreit haben, machen wir Halt an einem Straßenrestaurant inmitten eines gigantischen Palmenhaines und trinken erschöpft eine lauwarme Cola. Christian möchte jetzt weiter, weil er die tropischen Mittagstemperaturen nicht mehr aushält, und fährt einfach los. Die anderen folgen ihm geschwindt, aber mir ist eigentlich eher nach einer Pause .Ich füge mich etwas mißmutig der Mehrheit.

Es folgt ein steiler schweißtreibender Anstieg. Ich beobachte, wie ein Mann am Straßenrand ein etwa sechs Jahre altes lebloses Kind auf den Schultern trägt. Fernando fragt, was los sei und der Mann erzählt, dass das Mädchen seit drei Tagen hohes Fieber . Sie glauben, dass sie einen Malariaschub hat. Er möchte versuchen möglichst schnell zur nächsten Krankenstation zu kommen. Nach weiteren 30 Minuten kommen wir an einer steilen Böschung vorbei, an der ein LKW abgestürzt ist. Die Fahrerseite des überladenen Fahrzeugs ist stark eingequetscht, und die komplette Fahrbahn ist mit Glasscherben bedeckt. Gnadenlos steigt die Strecke weiter an und führt durch endlose Palmenhaine. Die Hitze ist unerträglich, und ich bin etwas verärgert über die anderen, die ständig vorausfahren, ohne auf mich zu warten.

Bei Tageskilometer 45 erreichen wir dann endlich das Dorf, in dem wir heute mittagessen möchten. Unter dem mäßig schattigen Vordach der einfachen Bretterbude nehmen wir auf den Plastikstühlen Platz und essen unser obligatorisches Reis mit Hühnchen. Nach dem Essen lasse ich etwas Dampf ab und sage den anderen, dass ich es nicht okay finde, dass sich unser Reistempo immer nach dem Schnellsten in der Gruppe richtet. Auch Fernando kümmert sich als unser Guide doch eher wenig darum, was der letzte Teil der Reisgruppe so macht. Die Mittagshitze ist gnadenlos und scheint alles Leben zum Stillstand zu bringen. Wir lauschen dem Ticken der Wanduhr und erfreuen uns an den kitschigen Weinachtsbaumkugeln an der Wellblechdecke. Dicke grüne Schmeißfliegen tanzen um die Wette und versuchen uns auf die Nerven zu gehen, aber wir sind einfach zu zerstört. Nach einer ausgedehnten Siesta mit viel warmer Cola und Wasser radeln wir dann weiter.

Ab jetzt verläuft die Strecke nicht mehr ganz so hügelig wie heute Morgen. Das intensive tropische Grün leuchtet schön in der Spätnachmittagssonne. Gegen 16.30 Uhr erreichen wir die Ausläufer von Toamasina, der größten Hafenstadt der Ostküste, und der LKW-Verkehr nimmt merklich zu. Wir kommen vorbei an den großen Exporthallen für den Lischiexport vorbei. Die schwer beladenen LKWs bahnen sich im Schneckentempo ihren Weg hinunter zum Verladehafen. Viele wild klingelnde Fahrradriskschas sausen durch das Zentrum der Innenstadt. Wir kommen an riesigen Märkten vorbei, auf denen sich die bunten tropischen Früchte auftürmen und lauthals von den bunten Marktfrauen anpriesen werden. Gegen halb sechs erreichen wir unser Hotel und bekommen alle ein Einzelzimmer. Erleichtert nehmen wir eine kalte Dusche. Ich beobachte, wie der rote Lateritschlamm von meinen Unterschenkeln im Abfluss der Dusche verschwindet. Abend essen wir fabelhaftes Zebusteak mit grüner Pfeffersoße und leckere Samosas. 

Später im Bett blättere ich noch etwa im Reiseführer und erfahre, dass die Stadt regelmäßig von tropischen Wirbelstürmen zerstört wird. Die Stadt Toamasina galt früher als wichtiger Piratenschlupfwinkel und war ein wichtiger Anlaufpunkt für Sklavenhändler. Als die Engländer die Macht in Toamasina übernahmen, um den Gewürzhandel zwischen England, Mauritius und Toamasina zu festigen, bauten sie die Stadt zur größten Hafenstadt des Landes aus. Nachdem die Engländer sich nach Mauritius zurückzogen und die Franzosen die Macht übernahmen begann sich eine starker Widerstandsbewegung innerhalb der Stadt zu formieren. Die französische Kolonialregierung musste immer wieder mit Waffengewalt die Autonomiebestrebungen der Stadt niederschlagen. Dank der breiten Alleen, den Märkten im Zentrum, des großen Hafens und der kilometerlangen Strandpromenade gilt Toamasina als „die europäischste Stadt“ Madagaskars. (vgl.Därr und Heimer)

Toamasina – Fenerive (102 km)

Gegen acht Uhr verlassen wir unser Hotel und fahren durch das ruhige sonntägliche Toamasina. Es geht entlang der Strandpromenade, im Hintergrund die großen Hafenanlagen der Stadt. Wir verlassen die Promenade und biegen auf eine küstenparallele Straße ab. Christian und Fernando wollen kurz an einer Tankstelle noch etwas zu trinken kaufen, und Simone und ich sollen schon mal vorausfahren. Plötzlich werden wir von zwei wild gestikulierenden Polizisten zum Anhalten gebeten. In strengem Beamtenfranzösisch möchte man uns klar machen, dass unsere Fahrräder keine Steuermarken hätten. Simone und ich tun einfach so, als ob wir keinen Brocken Französisch sprechen und lächeln die beiden Beamten freundlich an. Die zwei Herren stehen neben ihren dicken Dienstmotorrädern und blicken finster auf uns herab. Simone und ich ignorieren dies weiterhin und erzählen uns einfach weiter lauthals verrückte Reisegeschichten. Irgendwann wird es den beiden Polizisten zu blöd und sie fordern uns in barschem Ton auf, bitte sofort weiterzufahren. 


Immer wieder werden wir von rasenden und wahllos überladenen Minibussen überholt, die kaum noch die Spur halten können. Da die Etappe heute deutlich flacher verläuft, kommen wir schnell voran. Durch das üppige tropische Grün erhaschen wir immer wieder einen Ausblick auf das wilde, tosende und türkise Wasser des Indischen Ozeans. Aufgrund der extremen schwülheißen Temperaturen sind die meisten Leute hier nur spärlich bekleidet und scheinen deutlich gelassener als im Vergleich zu den Hochlandbewohnern. Überall läuft Musik, und es wird viel getanzt. Bei Kilometer 65 machen wir in einem Restaurant Mittag und essen leckere Garnelen in Currysoße. Am Nebentisch sitzen eine Gruppe älterer Franzosen mit bildhübschen blutjungen Madagassinen. Christian und Fernando legen ihre Köpfe auf den Tisch und machen einen kurzen Mittagsschlaf. Währenddessen trinken Simone und ich literweise Kaltgetränke, da uns die extreme Mittagshitze schwer zu schaffen macht.

Wir satteln auf und kommen nach etwa 20 km an einer Konzertbühne vorbei auf der eine berühmte Sängerin aus dem Süden ein Konzert abhält. Menschen strömen aus allen Himmelsrichtungen, um dieses Event mitzubekommen. Kurz vor Fenerive geht es rechter Hand auf eine Piste. Nach etwa 2 km erreichen wir einen wunderschönen Palmenstrand. Außer der wilden Brandung des Indischen Ozeans ist nichts zu hören. Wir kommen zu einer einfachen Bungalowanlage direkt am Meer. Schnell springen wir in die Fluten des warmen indischen Ozeans und lassen uns von der Brandung tragen. Abends gibt es vorzügliche Thunfischsteaks mit kaltem Bier. 

Ruhetag in Fenoarivo

Während der Nacht werden wir von dem wilden Rauschen der tosenden Brandung begleitet. Gegen vier setzt dann heftiger tropischer Niederschlag ein. Fernando erzählt uns, dass es an der Nordostküste lediglich im Oktober/November etwas weniger regnet. Mit fast 3500 mm Gesamtjahresniederschläge zählt die Region zu den niederschlagsreichsten Gebieten der Erde. 

Nach dem Frühstück fahren wir der langgestreckten Innenstadt von Fenoarivo entlang. Bunte Fahrradrikschas soweit das Auge reicht, überladene Minibusse bahnen sich ihren Weg zu den Umladeterminals. Plötzlich stürzt ein tropischer Niederschlag auf uns nieder. Die Menschen in den Straßen holen Schirme, Regencapes hervor und flüchten sich unter die Vordächer der Shops. In nur wenigen Minuten ähnelt die Straße einem reißenden Fluss. Doch genauso plötzlich wie der Schauer auftaucht, verschwindet dieser auch wieder. Alles geht wieder in Seelenruhe weiter. “Mora,mora“ Wir nehmen Platz unter dem Vordach eines Restaurants, und trinken ein kaltes Getränk und beobachten die Straßenszene. Speziell das Verladen der Minibusse zieht uns in seinen Bann: Türme von Matratzen, Motorroller, stapelweise Bananenkisten werden auf die Dächer der kleinen Minibusses geladen. Anschließend werden bis zu 12 Fahrgäste ins Innere verstaut, und die vollkommen überladenen Minbusse bahnen sich wild schaukelnd ihren Weg hinaus aus der Stadt.

Fernando kommt nach fast einer Stunde von seinen Bankgeschäften zurück und erzählt, dass er nicht erfolgreich war, da es keinen Strom gibt. Anschließend radeln wir zurück zum Strand und entspannen uns den Rest des Tages.


Fenoarivo – Bamboo Village (Saint Marie (90 km)

Um fünf Uhr sitzen wir noch leicht übermüdet am Frühstückstisch. Über dem Ozean hängen tiefschwarze Wolken. Kurz nachdem wir aufgesattelt sind, fallen die ersten dicken Regentropfen. Innerhalb von Minuten verwandelt sich der Regen in einen imposanten Wasserfall, der gnadenlos auf uns niederprasselt und uns binnen Sekunden bis auf die Haut durchnässt. Schnell versuchen wir Unterschlupf unter einem weit ausladenden Mangobaum zu nehmen, und Fernando versucht noch schnell seinen Laptop vor dem Wassereinbruch zu schützen. Nachdem die Regenintensität etwas abnimmt, radeln wir weiter werden jedoch innerhalb weniger Kilometer von der nächsten Regenfront überrascht. In Fenerive Est wringe ich mein komplett nasses T-Shirt aus, schütte das knöchelhohe Wasser aus meinen Schuhen und beobachte, wie sich hunderte Menschen mit bunten Regenschirmen ihren Weg durch die morgendliche Stadt bahnen.

Überall spingen Dutzende einheitlich uniformierte Schulkinder über den Pfützenteppich der Lateritpiste. Etwa fünf Kilometer hinter der Stadt lässt der Regen etwas nach, und wir können die Fahrt durch die weite, leuchtend grüne tropische Agrarlandschaft voll genießen. Immer wieder begleitet uns der Ausblick auf den wild schäumenden Indischen Ozean. Fernando feuert uns an und sagt, dass wir schnell fahren müssten, da die Fähre nach Saint Marie um 10:30 Uhr ablegt. Kurz vor Soanierana-Ivongo holt uns wieder ein prasselnder tropischer Niederschlag ein. Die dunklen Wolken hängen bedrohlich über den steilen, bewaldeten Flanken des östlichen Randgebirges. Der steile Küstenabschnitt mit seiner tosenden Brandung macht das Bild perfekt. Es wundert nicht, dass es hier eine derart üppige Vegetation gibt. 


Innerhalb von Minuten steht uns das Wasser wahrlich bis zum Hals, aber es bleibt keine Zeit zum Anhalten. Endlich erreichen wie die quirlige Kleinstadt und schieben unsere Räder durch die engen Gassen der Marktstände. Wilde Gerüche kämpfen um unsere Aufmerksamkeit: Ranziger Dörrfisch neben den Ausdünstungen einer nahen Latrine. An einem der Stände wird gerade geschlachtet, und tausende von grünen Schmeißfliegen tanzen um die schwitzigen Fleischstücke. Überall stehen tiefe Pfützen, und die Luft ist extrem schwül. Die meisten Menschen tragen einfache Flip-Flops und latschen damit durch den teils knietiefen Schlamm. Wir erreichen eine einfache Bretterbude, und Fernando erklärt uns, dass dies das Büro der Fährgesellschaft sei. Ein Angestellter führt uns über ein abenteuerrliches Labyrinth aus teil morschen Stegen zu dem Pfahlbau des Bootsablegers. Verdutzt bildet sich eine Gruppe Schaulustiger, die uns drei Weiße mit Fahrrädern beäugen. Schnell wird das Boot beladen, und wir alle bekommen eine Schwimmweste.
 

Das Boot fährt langsam aus dem Kanal hinaus, und als wir in den Brandungsbereich des offenen Meeres kommen, gibt es einen riesen Knall. Wir werden aus unseren Sitzen hochgeschleudert. Ab jetzt beginnnt das kleine Boot heftigst zu schaukeln und Fernando berichtet, dass es es in den letzten Jahren immer wieder zu schweren Fährunglücken auf der Überfahrt nach Saint-Marie gekommen sei. Sehr beruhigend! Nach etwa 1,5 Stunden erreichen wir die kleine Hafenanlage von Ambodifotatra an der Westküste der Insel. Am Schiffsanleger warten bereits unzählige Marktfrauen, die ihre topischen Güter an die Neuankömmlige bringen wollen. Wir beladen schnell unsere Räder und werden parallel von einigen harrtnäckigen Touristenführern belagert. Anschließend fahren wir durch die kleine Innenstadt der Inselhauptstadt. Hier gibt es etlich kleine Läden, Restaurants, auch eine Polizeistation und ein Krankenhaus. Wir nehmen Platz auf der schattigen Terrasse eines alten, von blühenden Frangipani bewachsenen Kolonialgebäudes und essen fantastische Riesengarnelen in Tomatensoße. Der Ausblick auf das leuchtend türkise Wasser des Ozeans lässt uns schnell in einen paradiesischen Zustand wechseln. Anschließend fahren wir weiter entlang der Südwestküste. Alles wirkt wie auf einer gut aufgeräumten Karibikinsel. Geschmackvoll gestaltete Hotelanlagen mit imposanten topischen Gärten. Weite Palmenhaine geben immer wieder Ausblicke auf traumhafte weiße Korallensandstrände frei. Wir queren die Rollbahn des Flughafens und erreichen die Südpitze der Insel. Hier schieben wir unsere Räder an den Strand, wo bereits vier bunte Pirogen auf uns warten. Die Räder werden verladen und los geht die Überfahrt zur kleinen Insel Nosy Nato. Ich fühle mich mittlerweile wie ein Südseeentdecker. Das türkise und kristallklare Wasser zeigt die buntesten Fischarten, die unter unserer Piroge hin und her tanzen.

Die keine Insel Nosy Nato ist ein tropisches Küstenjuwel. Die menschenleeren weißen Sandstrände werden von einer leuchtend grünen tropischen Vegetation umrandet. Wir erreichen den großen Anlegesteg unseres Hotels Baboo Village. Auf dem Holzpier befindet sich eine schöne Außenterrasse mit Ausblick auf das tropische Paradies. In der kühlenden Meeresbrise trinken wir ein kaltes Bier und beziehen danach unsere überrschend großzügigen Bungalows inmitten des weiten tropischen Gartens. Die Bungalows sind liebevoll eingerichtet und bieten ungewohnt viel Luxus für unsere Verhältnisse. Hier könnte ohne Probleme auch eine Folge des Traumschiffs gedreht werden. In Badekleidung laufen wir hinüber zum perfekten Bounty-Strand und plantschen in dem warmen türkisen Wassers. Der Strand fällt jedoch steil und die Strömungsverhältnisse sind nicht ungefährlich. Abends gibt es fantastischen Thunfisch auf der Terrasse des Piers. Außer dem Rauschen der Meeresbrandung und dem Rascheln der Palmenwedeln stört nichts die idyllischen Stimmung.

Fahrradtour auf der alten Pirateninsel (72 km)

Nach dem Frühstück bringen uns die Pirogen zurück auf die Hauptinsel, und wir radeln zurück zur Inselhauptstadt. Eine kleine Piste bringt uns in das Büro von Air Madagaskar. Die Mitarbeiter sitzen tiefenentspannt unter den wildrotierenden Blättern des Deckenventilator. Man prüft einige Papierlisten und fertig ist die Bestätigung unseres Rückfluges. Wir verlassen Ambodifotatra in östlicher Richtung, und schnell wandelt sich das Landschaftsbild. Plötzlich scheint alles weniger ordentlich zu sein, entlang der Schotterstraße stehen die einfachen Holzhütten der Inselbewohner. Die Straße klettert hinauf bis auf ca. 300 m über dem Meeresspiegel und gibt dann einen weiten Blick über das üppige tropische Inselinnere und das omnipräsente Türkis des Indischen Ozeans frei. Der pure tropische Wahnsinn! 


Dann erreichen wir die schlechte Piste entlang der wenig touristischen Ostküste. Verschlafene kleine Fischerdörfer, Frauen in bunten Wickelroben tragen große Körbe mit Mangos und Bananen auf ihren Köpfen. Einige Männer sind bei der Arbeit in den tropischen Mischgärten und sie grüßen uns freundlich winkend. Es herrscht eine idyllische und entspannte Atmosphäre. Gegen 12 Uhr machen wir in einem Dorf Pause und kaufen drei knallrote Mangos, die wir im Schatten eines großen Baumes verspeisen. Auf einer verdammt steilen und steinigen Piste fahren wir anschließend wieder hinüber an die Westküste. Schweißgebadet erreichen wir erleichtert die Küstenstraße. Hinter jeder neuen Biegung öffnet sich uns eine neue menschenleer Traumbucht wie in einem Piratenfilm. An einer einfachen Strandbude trinken wir eiskaltes Fresh und genießen eine Weile die kühlende Meeresbrise. 

Immer wieder klettert das kleine Asphaltsträßchen hinauf und gibt einen weiten Ausblick auf die leuchtend grüne tropische Küstenlandschaft frei. Gegen 15 Uhr erreichen wir die Inselhauptstadt und kehren erneut in dem Restaurant, in welchem wie bereits bei unser Ankunft waren, ein. Dort serviert man uns einen Smoothie aus Stachelanemone, Mango und Ananas. A tropical heaven! Am späteren Nachmittag fahren wir die letzten 13 km zurück zu unserem Hotel auf Nosy Nato.