Nov.
2014

Radreise Äthiopien

Die von Michael Franke geleitete Radtour führte unsere achtköpfige Reisegruppe nach einem Bustransfer von der Hauptsstadt nach Debre Zeyt. Von hier aus radelten wir eine etwa 600 km lange Schleife über Asela, Bekoji, Dodola zurück über Langano. Unten finden Sie einen Auszug aus meinem Reisetagebuch.

Auszug aus dem Reisetagebuch

Transfer Addis Abebba – Debre Zeyt – Radtour zu den Kraterseen

Die Nacht im Hotel bleibt wenig erholsam, da bereits ab vier Uhr die Bauarbeiten in dem Nebengebäude weitergehen. Nach einer viel zu kalten Dusche begebe ich mich in die Lobby und lerne am Frühstückstisch die neuangekommenen Mitreisenden Dietrich, mit sein Sohn Julius, und Kristina kennen.

Anschließend verladen wir unsere Räder und unser Gepäck auf das Dach eines weißen Toyotaminibusses und kämpfen uns durch das frühmorgendliche Verkehrschaos der Stadt. Massenweise andere Minibusse quälen sich mit uns durch die staubigen Straßen. Scharen von Frauen in strahlend weißen Kleidern strömen aus einer Kirche heraus. Unser Fahrer erzählt uns passend dazu, dass sein Vater jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht und bis acht Uhr die Messe besucht, bevor er dann zur Arbeit geht.

Auf dem Weg in die südliche Peripherie der gigantischen Millionenmetrople Addis passieren wir eine nagelneue Autobahnbrücke. Unser äthiopischer Guide Chewi erklärt uns, dass sich in den letzten Jahren viel in seinem Land verändert hätte. Die Chinesen haben viel in die Infrastruktur investiert und gleichzeitig viele neue Industriezweige eröffnet. Wir passieren eine Mautstation und finden uns anschließend auf einer perfekt ausgebauten nagelneuen vierspurigen Autobahn wieder. Die Strecke führt uns vorbei an ausgedehnten neu angelegten Apartmentblöcken, die ein starkes Indiz für den Metropolisierungsprozess sind. 

Die Landschaft wird zunehmend grüner und auch intensiver landwirtschaftlich genutzt. Dann erreichen wir auf etwa 2000 Metern Höhe, die ca. 100.000 Einwohner große Stadt Debre Zeyt. Dort beziehen wir ein rudimentäres, direkt an der großen Hauptstraße gelegenes Hotel. Viel Ruhe bietet mein straßenseitiges Zimmer nicht, da permanent riesige LKW direkt vor meinem Fenster entlangbrausen. 

Gegen Mittag radeln wir zum nahegelegenen Kratersee Lake Hora. Da der Ort als Zentrum der äthiopischen Luftwaffe dient, gibt es hier einen eigenen Air Force Officer’s Club. Die schattige, baumbestandene Terrasse des Restaurants bietet einen guten Ausblick auf den kleinen Kratersee. Nach dem Essen radeln wir noch ein Stück weiter und nehmen dann eine kleine Schotterpiste hinunter zum See. Chewi erklärt uns, dass jedes Jahr tausende Pilger hier hinströmen, um ein wichtiges christliches Ritual abzuhalten. 

Unter den schattigen Schirmakazien sitzen einige Frauen in bunten Trachten und beobachten uns interessiert. Ein kleiner Pfad führt uns direkt am Seeufer entlang, und wir können, die vielen Seevögel und Angler beobachten. 

Debre Zeyt – Sodore ( 70 km)

Die Fruchtmarmelade beim Frühstück schmeckt wie Red Bull. Gegen neun Uhr bepacken wir unsere Räder und fahren los. Starker LKW-Verkehr begleitet uns für die ersten Kilometer. Immer wieder ziehen einfache Maultierkutschen, auf denen ganze Großfamilien sitzen, an uns vorbei. Die Menschen am Straßenrand bleiben immer wieder stehen und sind fasziniert von der Gruppe vorbeifahrender Weißer auf Fahrrädern. Bunt gekleidete Bettelmönche sitzen am Straßenrand unter ihren Sonnenschirmen. 

Nach etwa zwei Stunden machen wir eine kurze Rast in einem Straßencafé und beobachten eine klassiche äthiopische Kaffeezeremonie. Die Straße klettert anschließend immer weiter empor durch die weite Graslandschaft des Hochlandes, die zenitale Höheneinstrahlung macht uns schwer zu schaffen. An einem Steinbruch verlasse ich die Route, um einen besseren Blick in die Abbaugrube zu bekommen. Mit Spitzhacken schlagen Männer die Gesteinsbrocken aus dem Fels. Plötzlich beginnt einer der Männer wild zu rufen, und sie laufen alle in meine Richtung los. Schnell springe ich auf mein Rad, fahre zurück auf die Asphaltstraße und treffe erleichtert auf den Rest unserer Reisegruppe. 

An einem einfachen Straßenstand kaufen wir riesige Wassermelonen, die wir im Schatten einer Schirmakazie verschlingen. Danach radeln wir weiter in die ca. 200.000 Einwohner starke Universitätsstadt Nazaret. Schon von Weitem sehen wir die großen Industriegebiete, dich sich am Außenrand der Stadt befinden. Vor dem zentralen Postbüro machen wir Halt, da Michael noch ein paar Briefmarken kaufen möchte. Innerhalb von wenigen Minuten bildet sich eine große Menschentraube um uns und beobachtet uns. Wir fühlen uns eingekesselt und sind froh, als wir dann endlich weiterfahren können.

Wir verlassen Nazret auf einer schmalen Straßen in Richtung Sodore und folgen einer rauschenden Abfahrt. Immer wieder zeigen sich uns weite Ausblicke auf die grüne von Schirmakazien durchzogene Savannenlandschaft. Auf den Feldern sind die Menschen bei der Arbeit und holen immer wieder Wasser von den Dorfbrunnen, in leuchtend gelben Wasserkanistern. 

Gegen 17 Uhr erreichen wir ein schönes Hotel mit eigenem Thermalschwimmbecken. Kleine Affen schwingen sich von den Baumwipfeln des hoteleigenen Gartens. Leider werde ich von einem heftigen Anfall von Reisediarrhöe getroffen und verbringe den größten Teil des Abends auf der Toilette.


Sodore – Asela (70 km)

Das Frühstück wartet heute mit einem überraschend reichhaltigen Buffet auf. Ein Wächter achtet derweil darauf, dass die Affenscharen sich nicht auch am Frühstücksbuffet bedienen.

Wohl gestärkt, schwingen wir uns auf unsere Stahlrößer und klettern die steilen 400 Höhenmeter zurück hinauf nach Nazret. An einer Kreuzung warten wir auf den Rest unserer Gruppe und sind binnen von Minuten wieder von einer imposanten Menschentraube umstellt. Jeder möchte wissen, wo wir herkommen und wo wir hinfahren. Thomas hat technische Probleme mit seinem Mietrad, und Birgit hat einen platten Reifen. Daher fahren wir auf den Innenhof eines Straßenrestaurants in der Kleinstadt Dera. Bei wunderbarem Latte Macchiato und tatkräftiger Unterstützung durch die Angestellten gehen die Reparaturen relativ leicht von der Hand.

Die weitere Strecke führt teilweise schnurgrade durch das Hochland. Die weiten Felder sind meist mit Tef bepflanzt, und die Arbeiter sind dabei, mit Handsicheln das Korn zu schneiden. Glücklicherweise haben wir heute Rückenwind und nehmen daher die Sonneneinstrahlung als deutlich angenehmer wahr.

Nach etwa 35 km beginnt der steile Aufstieg hinauf nach Heya. Birgit und ich kämpfen uns im Schneckentempo die steile Steigung hinauf und bekommen beinahe einen Hitzeschlag in der extremen Sonne. Trotz der Qualen bestaunen wir den weiten Ausblick auf die hinter uns liegende Ebene. Im Ortszentrum lassen wir uns zerstört auf die Plastikstühle eines Straßenrestaurants fallen, wo man uns eine große Portion Spaghetti mit Tomatensoße serviert.


Gestärkt und etwas ausgeruht begeben wir uns an das letzte Teilstück des heutigen Tages. Der Einstrahlungswinkel der Sonne ist weniger bedrohlich und lässt zudem die Getreidefelder intensiv golden leuchten. Vor Aslela steigt die Straße erneut stark an, und wir kommen hinein in das Stadtgebiet von Asela. Auf den Straßen der Haupstadt der Weizenbauprovinz tummeln sich die Fahrradrikschas und lauthals rufend werben die Fahrer um Kunden. Der Wind pfeift mittlerweile recht heftig, und die Temperaturen sinken rapide ab. Kurz nach Sonnenuntergang erreichen wir unser stockfinsteres Hotel. Doch trotz des stundenlangen Stromausfalls bekommen wir eine warme Dusche. Zum Abendessen serviert man uns ein vorzügliches Chicken Curry. Die Nacht wird recht ungemütlich, da die Temperaturen extrem abfallen und das Haus kaum Wärmeisolierung hat.

Asela – Bikoya (57 km)

Um halb acht sitzen wir in versammelter Mannschaft im proppenvollen Frühstücksraum. Eine große Gruppe äthiophischer Marathonläufer wartet am Nebentisch. Nach fast zwei Stunden Wartezeit bekommen wir dann auch endlich unser Omelett serviert.

Kurz nach neun Uhr satteln wir auf. Die Höhensonne ist schon um diese Uhrzeit schwer zu ertragen. Steil beginnt die Straße anzusteigen. Nach wenigen Kilometern erreichen wir eine Holzsammelstelle, an der die langen dünnen Stämme der Eucalyptusbäume aufgestappelt sind. Menschentrauben laufen entlang der Straße in Richtung Asela, da heute Markttag ist.

Die Strecke folgt jetzt einem ständigen Auf und Ab. Es macht uns Spaß, die rauschenden Abfahrten hinunterzusausen und anschließend auf der anderen Seite wieder die steilen Flanken hinaufzutreten. Eine üppig grünleuchtende Agrarlandschaft begleitet uns. Rinderherden stehen in den steilen grünen Weiden und kauen genüsslich ihr Gras. In den Dörfern beobachten wir, wie die Frauen das Tefmehl mahlen.

Nach etwa 25 km erreichen wir die kleine Ortschaft und fahren auf den Innenhof eines einfachen Restaurants. Schnell stellt man uns einige wackelige Plastiktische zusammen, und wir nehmen Schutz unter den kleinen Sonnenschirmen. Durch die Fensterluke haben wir einen Einblick in die Garküche. Die Feuerstelle qualmt heftig vor sich hin und schwitzige, von Fliegen überdeckte Fleischstücke baumeln von der Decke. Man serviert uns eine riesige Portion Tijun. Man meint es wirklich gut mit uns und steckt viele für uns kaum zuortbare Innereien in das Gericht, was unser Geschmackserleben leider deutlich mindert.

Die weitere Strecke führt uns durch eine weite flache Ebene. Kleine traditionelle Rundhüttendörfer stehen inmitten der weiten Landschaft. Ochsen ziehen Holzpflüge durch die Äcker, und die Bauern winken uns freundlich zu. Plötzlich überholt mich ein LKW, und der Beifahrer schüttet mir eine Flasche Wasser über den Kopf. Etwas verdutzt winke ich dem netten Herren zu und bedanke mich für die erfrischende Abkühlung. Anschließend geht es wieder steil hinauf, und die Sonne brennt gnadenlos. Meine Aufmerksamkeit ist nach Innen gerichtet, und ich nehme nur nebensächlich die vielen Ausrufe der Kinder am Straßenrand wahr. Ständig springen die Kinder auf die Straße und rufen: „Hey, how are you?“, „Where you go?“, „Money? Very good!“.

Heute hat Michael mit Montezumas Rache zu kämpfen. Er braucht ganz schnell eine Toilette oder einen ruhigen Busch. Leider ist keines von beiden in Sichtweite. Im nächsten Dorf fragt er den Oberlehrer der Schule, ob er die Latrine benutzen darf. Erleichtert kommt er wieder, und wir radeln weiter. Nach wenigen Kilometern merken wir, dass Silvia und Thomas total fertig sind. Die schlechten Schaltungen ihrer zweitklassigen Mieträder machen die steilen Anstiege zu einer wahren Tortur. Unter einer großen Akazie machen wir eine Pause und atmen etwas durch. 

Im Anschluss folgt der lange gnadenlose Anstieg hinauf nach Bekoji. Stark entkräftet erreichen wir das Ortsschild des berühmten Heimatortes der äthiopischen Langstreckenläufer. Am Ortseingang passieren wir die weitläufigen Trainingscamps der nationalen Nachwuchskader. Die Zimmer unseres Hotels sind komfortabel ausgestattet, aber leider gibt es den ganzen Abend keinen einzigen Tropfen fließendes Wasser. Unser Abendessen nehmen wir in einer einfachen Garküche im Ortszentrum ein. 

 

Bikoya – Dodola (70 km)

Morgens gibt es richtig leckere Omeletts. Silvia und Birgit wurden diese Nacht Opfer von Montezumas Rache und rühren kaum was zu essen an.

Wir verlassen das Hotel und folgen einer gemächlich ansteigenden Passstraße. Die Landschaft ist ursprünglich und kaum besiedelt. Wieder hat Silvia Probleme mit ihrer 7-Gang Nabenschaltung. Sowohl der kleinste als auch der größte Gang lassen sich nicht zuschalten. Der junge Justin bietet Silvia zum Tausch sein eigenes Rad an. Einige Farmer reichen uns Zuckerschoten vom Straßenrand aus an. 

Wir erreichen den fast 2900 Meter hoch gelegenen Pass und genießen anschließend die rauschende Abfahrt hinab in die weite Ebene. An einer Garküche in einem kleinen Durchgangsort machen wir eine Kaffeepause. Innerhalb von Minuten nach unserer Ankunft ist die schmale Terrasse der Garküche umringt von dutzenden Schaulustigen. Ein Dorfältester weist die kleinen frechen Jungs lauthals darauf hin, die Finger von unseren Fahrrädern zu lassen. Die Menschentraube rückt uns immer näher zu leibe, und wir bekommen ein ungutes Gefühl und beschließen schnell weiterzufahren. Bei der Abfahrt reißt plötzlich ein Mann Kristianes Rucksack vom Rücken und läuft schnell weg. Chewi und Michael sprinten schnell hinterher und können den Rucksack glücklichweise heile zurückbekommen

Mit etwas gemischten Gefühlen entfernen wir uns rasch aus dem Ort und genießen wieder die Ausblicke auf die weite Agrarlandschaft. Gegen Mittag kommen wir in einen etwas größeren Durchgangsort, indem wir ein traditionelles Injera essen. 

Der letzte Abschnitt der heutigen Strecke führt uns weiter durch eine extrem weite Ebene. Die schönen Rundhüttendörfer sind hier häufig von dichten Kakteenanpflanzungen umschlossen. In den Eingängen der einfachen Lehmhütten stehen häufig Frauen in bunten Wickelröcken, die ein Baby auf dem Arm tragen. Mit riesigen Weizenbündeln beladene Eselskarren ziehen in Zeitlupe an uns vorbei. Endlich erreichen wir den kleinen Ort Dodola und bahnen uns den Weg zu unserer Unterkunft des Bale Mountain Hotels. Von hier aus starten die Trekkingtouren in den attraktiven Nationalpark der Bale Mountains. Auf vorherigen Touren hat Michael hier immer ein dreitägiges Pferdetrekking angeboten, aber dies ist für unsere abgespeckte Tour nicht vorgesehen.

Die Zimmer sind extrem einfach gehalten, es gibt wieder kein fließendes Wasser. Abends beginnt es heftig zu regnen und wir sitzen bei schummerigem Kerzenlicht in einer Garküche und essen Pasta.

Dodola – Wondo Genet (95 km)

Um sieben Uhr versammeln wir uns auf den roten Plastikstühlen des einfachen Restaurants unseres Hotels. Nach fast anderthalbstündiger Wartezeit bekommen wir dann endlich das heißersehnte Frühstücksomelett. Zähes Warten zählt in Äthiopien wirklich zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags.

Nach dem Frühstücken rasches Packen und Aufsatteln. Wir verlassen Wondo Genet in Richtung Shasahemene. Die Landschaft leuchtet in den unterschiedlichsten Goldgelbtönen. Akazienbäume wechseln sich mit kleinen Weilern aus Rundhütten ab. Die Wände der strohgedeckten Hütten werden hier in traditioneller Lehmbauweise errichtet. Freundlich winken uns die auf den Feldern arbeitenden Leute. Die Strecke folgt einem ständigen Auf und Ab wie auf einer Achterbahn. Immer wieder rauschen wir steile Abfahrten hinab und kämpfen uns auf der Gegenseite im Schnecktempo hinauf. Weizenfelder soweit das Auge reicht. Die ersten 45 km des Tages scheinen zu verfliegen, aber wie immer ziehen sich dafür die letzten paar Kilometer vor dem Mittagessen extrem in die Länge. Vermehrt Eukalyptuswälder entlang der Strecke, auch hier versucht man der starken Abholzung der natürlichen Wälder durch Aufforstung dieses schnellwachsenden Baumes zu begegnen. Ein globaler Trend mit teilweise dramatischen ökologischen Folgen. Wir erreichen die Ausläufer eines kleinen Ortes, und unser Guide Chewi fährt voraus, um ein Restaurant zu suchen. Währenddessen werden wir erneut von einer riesigen neugierigen Menschenansammlung umstellt. Schnell retten wir uns unter das Wellblechdach des Straßenrestaurants. 

Aus der Küche steigt der beißende Rauch des Brennholzes auf. Die Latrine des Hauses zählt zu den stinkigsten und dreckigsten Sanitäranlagen meiner bisherigen Reiseerfahrung. Nachdem ich die Holztüre des einfachen Schuppens hinter mir schließe und in kompletter Dunkelheit meinen Weg zum Ort des Geschehens bahne, werde ich von dem beißenden Gestank und dem Surren der Milliarden von Fliegen beinahe ohnmächtig. Angeekelt, aber erleichtert verlasse ich den Ort und lasse mich wieder auf einen der typischen Plastikstühle fallen. Viele der Einheimischen tragen hier traditionelle muslimische Gebetskleidung. Nachdem wir unsere Energiereserven dank einer großen Portion Spaghetti mt Ei und Tomatensoße wieder aufgefüllt haben, radeln wir weiter. 

Die Landschaft wird ab jetzt zunehmened grüner und tropischer. Üppige Bananenstauden stehen neben den rötlichen Lateritsteinhütten. Es folgt eine rauschende Abfahrt von fast 800 Höhenmeter hinunter ins Rift Valley. Affen schwingen und schaukeln an den hohen Ästen der Baumriesen. Einige Affenfamilien überqueren neugierig die Straße und beäugen mich. Das heiße, schwüle Klima des Rift Valleys schlägt uns jetzt mit Wucht entgegen. In Shasahemene stoppen wir in einem Saftstand und der tiefenentspannte rastafarai-Eigentümer zaubert uns himmlischen Papaya-Mangosaft. 

Nach dieser Erfrischung geht es weiter steil bergab, hinein in den afrikanischen Grabenbruch. Von der Straße aus bietet sich uns ein faszienierender Ausblick auf die leuchtend grüne Ebene. Nach fast 90 km erreichen wir die Ausläufer von Wondo Genet. Wir verlassen die Hauptstraße und biegen links ab auf einen kleinen Weg, welcher sich den steilen Berg hinaufwindet. Aufgrund des extremen Gefälles schieben wir unsere Räder und sind beeindruckt von der satten tropischen Vegetation. Frauen mit bunten Kleidern tragen riesige Pakete Feuerholz auf dem Kopf. Verkaufstände mit leuchtend roten Mangos und Bananen in allen Formen und Farben säumen den Straßenrand. Eine Schar von Kindern läuft begeistert neben uns her und macht sich einen riesen Spaß daraus, unsere Räder von hinten anzuschieben. Dann erreichen wir den Eingang zu unserem Hotel und betreten den üppigen tropischen Hotelgarten. Chewi erzählt uns, dass dieses eine der Sommerresidenzen von Haile Selassie gewesen ist. Der Kaiser Haile Selassie (1892-1975) gilt auch heute noch als Nationalheld und symbolisiert ein neues, unabhängiges Äthiopien. Die Zimmer sind eine erfreuliche Abwechslung zu denen der vorherigen Herbergen. Am Abend laufen wir hinauf zu den heißen Thermalquellen. Unsere Muskeln freuen sich über das warme Thermalwasser, und wir genießen den Ausblick vom Becken aus auf das üppige Grün der Landschaft. Nach der Dämmerung tauchen Scheinwerfer die dampfende tropische Thermallandschaft in eine ganz spezielle Atmosphäre. Zum Abendessen gibt es zur Abwechslung leckeres gebratenes Huhn mit Reis und kaltes Bier. 


Wondo Genet – Hawasa (35km)

Heute dürfen wir länger schlafen und Chewi macht mich vertraut mit den angesagtesten Musiktrends in Äthiopiens. Nach einem späten Frühstück satteln wir auf und fahren zurück zur Hauptstraße und folgen der Straße nach Hawasa. Die Strecke führt durch eine leuchtende tropische Agrarlandschaft. Tabakpflanzen, Bananenstauden und Kaffeebäume bilden ein faszinierendes grünes Mosaik. Einige Jungs machen sich einen riesigen Spaß daraus uns auf ihren chinesischen Fahrrädern zu begleiten. Die Mittagssonne brennt gnadenlos auf uns nieder und macht das Vorankommen auf den teils schlechten Pisten beschwerlich. Regelmäßig durchfahren wir kleine Dörfer, in denen hunderte von Schulkindern gerade auf dem Heimweg sind. Begeistert laufen die uniformierten Kinderscharren wild rufend hinter uns „You, you“ „Give me money“. Bei einer Pause präsentiert mir eine Gruppe Jungs ganz stolz ihre Erdkundebücher. Zum Spaß nehmen wir einige der Kinder für hundert Meter mit auf unseren Gepäckträgern und sie können sich vor Lachen kaum halten. 

Dann folgt der steile und schweißtreibende Aufstieg hinauf nach Hawasa. Die etwa 200.000 Einwohner große Stadt ist die Hauptstadt der Südregion und liegt auf ca. 1800m Höhe am Ufer des Hawasasees. Die auffallend grüne Stadt hat eine bedeutende Universität und auch einige Industrien.

Die wild klingelnden und rufenden Scharren von Fahrradrikschas begleitet uns auf dem Weg zum Hotel. Ausgehungert lassen wir uns auf den Plastikstühlen eines Restaurants nieder und warten geschlagene zwei Stunden bis wir ein Portion Injera bekommen. 

Nach einer wohltuenden Siesta fahren wir am Abend mit einem TukTuk in das Haile Resort. Das Resort wurde von dem berühmten Marathonläufer Haile Gebrselassie gegründet und ist eines der teuersten Hotels des Landes. Die in einem tropischen Garten gelegene Anlage liegt direkt am Ufer des Sees. Beim Betreten des Hotels schlägt uns purer Überfluss entgegen. Marmorsäulen und üppige Kronleuchter, egal wohin das Auge blickt. Welch eine Kontrast zu den sonstigen Verhältnissen in Äthiopien! Im Restaurant genießen wir ein schmackhaftes Abendessen und wir feiern Silvias Geburtstag mit einer richtigen Torte. 

Das Tuktuk bringt uns anschließend wieder zurück in die Normalität eines landesüblichen Hotels. Vor dem Zubettgehen verschlägt es Michael und mich noch in eine Bar gegenüber unserem Hotel . Gemeinsam trinken wir noch ein Bier und lauschen noch für eine Weile den Afrobeats.

 

Ruhetag in Hawasa

Nach dem Frühstück spazieren wir durch die morgendlichen Straßen der Stadt. Große Bäume bieten angenehmen Schatten und sorgen für ein freundliche Atmosphäre. Auf dem Weg zum See kommen wir an einem internationalen Entwicklungsprojekt vorbei. Hier hat man sich auf die Verbesserung der Lebensbedingungen von Arbeitseseln konzentriert und gibt ihnen nach einem arbeitsintensiven Leben eine würdige letzte Bleibe. 

Am Seeufer erwarten uns die riesigen Marabus, die gierig um die Fischerboote stehen und auf mögliche Fischreste warten. Bereits von Weitem erreicht uns der intensive Geruchs des Fischmarktes und ein lokaler Führer zeigt sich bereit uns herumzuführen. Am Seeufer sitzen die Fischer vor ihren Langbäumen und reparieren Netze und zerteilen den gefangenen Fisch. Direkt daneben stehen Horden von Marabus, die die Reste verspeisen. In den einfachen Holzunterständen wird ölige Fischsuppe gekocht und Berge von getrocknetem Fisch werden angeboten. Menschen sitzen auf Eimern oder Holzhockern, verzehren frischen Fisch und es herrscht eine ausgelassene Stimmung. 

Thomas und ich müssen zur Toilette und bahnen uns den Weg zur Marktlatrine. Wenig einladend erreichen wir die stinkende Anlage. Bei der Übergabe meines Rucksacks an Thomas rutscht mir die Kamera von der Schulter und ist plötzlich nicht mehr auffindbar. Wie verhext beginnen Thomas und ich nach der Kamera zu suchen bleiben jedoch erfolglos

Chewi beginnt sofort die Nachricht an die Fischer zu richten, dass eine Kamera abhanden gekommen ist. Anschließend verlassen wir das Marktareal und fahren mit dem Boot hinaus auf den See. Auf der Fahrt bekommen wir leider keine Flusspferde zu sehen, dafür aber einen guten Einblick in die artenreiche Vogelwelt des Sees. Am Flussufer beobachten wir z.B. einen ostafrikanischen Kingfisher. Direkt neben uns sitzen die Fischer auf ihren wackeligen Papysus-Einbaumbooten und angeln. Am Seeufer sind einige Menschen beim Wäschewaschen und winken uns freundlich zu

Nach der Bootstour gehen wir in einem traditionellen Fischrestaurant essen, wo es wenig appetitlich aussehenden Fisch gibt. Plötzlich fährt einschwarzer Mercedes mit verdunkelten Scheiben vor und ein Mann im Anzug steigt aus und läuft schnurstracks auf uns zu. Er stellt sich vor als Chef des Marktes und übergibt mir ganz stolz die Kamera. Er erzählt, dass ein Junge die Kamera auf dem Boden gefunden hätte und diese sofort zu ihm gebracht hätte. Als Dank übergebe ich ihm eine Spende für die Bediensteten des Fischmarktes und freue mich, dass ich die Kamera und speziell meine Fotos zurückbekommen habe. Niemals hätte ich gedacht, dass die Kamera wieder auftauchen würde. Afrika überrascht immer wieder aufs Neue!

Abends fahren wir erneut in das Helasi Resort und nehmen ein erfrischendes Bad im Hotelpool und genießen den Sonnenuntergang über dem See.

Hawasa – Lagano (90 km)

Gegen acht Uhr verlassen wir das Hotel und bahnen uns den Weg durch den wuseligen morgendlichen Verkehr. Aus allen Ecken und Winkeln schießen plötzlich wild hupende Tuktuks an uns vorbei. 

Für etwa 20 km folgt die Strecke einem leichten Anstieg durch eine weite Savannenlandschaft des ostafrikanischen Grabenbruchs. Die mächtigen Kronen der Schirmakazien dominieren das Landschaftsbild. Uns fasziniert ein mächtiger alter Tropenbau am Straßenrand und wir klettern auf die mannshohen Wurzeln und posieren für ein Foto.

Dann erreichen wir wieder Shashemene. Der Ort fungiert als bedeutsamer Verkehrsknotenpunkt und hat eine auffallend große Zahl von aus Jamaika eingewanderten Rastafari. Halie Selassi pflegte eine intensive Beziehung zu Jamaika und im Rahmen des „ Back to Afrika Movements“ kamen in den 1970er Jahren viele von ihnen nach Shashemene. An der Hauptstraße machen wir Halt bei einem Saftstand. Der freundliche Rastafari zaubert uns ein tropisches Feuerwerk aus frischen Erdbeeren, Guaven und Avocado. Entspannende Reggaehymnen tanzen aus den Boxen und sorgen für Karibikfeeling pur!

Nach der Erfrischung folgen wir einer kleinen Piste zum nahe gelegenen „Banana Art House“, das von einem lokalen Rastafari betrieben wird. Freundlich öffnet ein älterer Herr mit einer mächtigen Dreadlock-Mähne, sein Gartentor und bittet uns herein in sein traumhaft schönen tropischen Garten. In wohlklingenden Patoisenglisch erzählt er uns, dass er von der Karibikinsel Aruba abstammt und auch einige Jahre in London gelebt hat. Anschließend habe er dann seine wahre Heimat in Äthiopien gefunden. Er führt uns in sein Haus und zeigt uns seine Ausstellung aus Kunstwerken, die er größtenteils aus getrockneten Bananenblättern hergestellt hat. In Glasvitrinen verwahrt er allerlei Artefakte der Rastafaribewegung. Im Anschluss durchstreifen wir seinen üppigen tropischen Gemüsegarten und beobachten den Tanz der bunten Schmetterlinge über den bunten Tropenblumen. 

Nach dem erholsamen Einblick in die Sphäre der Rastafaribewegung radeln wir weiter. Doch nach wenigen Kilometern hat Silvia einen Platten, den wir im Schatten einer großen Akazie reparieren. Innerhalb von wenigen Minuten bildet sich eine Schar an neugierigen Schulkindern um uns herum. Dichtgedrängt schieben sie ihre Köpfe zusammen und beobachten uns bei der Arbeit. Schließlich kommen hier nicht alle Tage eine Gruppe weißer auf Fahrrädern vorbei! Ich nutze die Zeit um mir einen Eindruck über die Englischkenntnisse der Schüler zu verschaffen. Stolz präsentieren sie die streng gepaukten Phrasen und freuen sich darüber einen realen Konversationspartner zu haben.

Nach der Reparatur folgen wir der Route durch eine weite Ebene. Viele LKWs rauschen jetzt an uns vorbei und Silvia und Thomas beobachten wie einer der LKWs plötzlich eine Ziege überfährt. Ohne anzuhalten rauscht der Fahrer einfach weiter. Eine Gruppe Schulkinder macht sich plötzlich einen Spaß daraus Steine nach uns zu werfen. Nur knapp sausen die Steine an unseren Köpfen vorbei und wir versuchen schnell Land zu gewinnen. Dann erreichen wir den kleinen Pistenabzweig hinunter zum Laganosee. Die staubige Lateritpiste bringt uns zu dem Ufer des schönen Sees. Dort beziehen wir einfache aber schön gelegene Bungalows. Einige von uns nehmen ein erfrischendes Bad im See und genießen den farbenprächtigen Sonnenuntergang über dem See. Die mächtigen Schirmakazien werfen eindrucksvolle Schatten über das Seeufer. Nach dem Abendessen sitzen wir noch lange bei einem Lagerfeuer zusammen und erzählen uns Geschichten. Über unseren Köpfen erstreckt sich ein endloser Sternenhimmel.

Lagano – Ziway (55km)

Um viertel nach sechs wecken mich Chewi und Birgit und wir bewundern den Sonnenaufgang über dem See. Zeitgleich ertönt ein mehrstimmiges Vogelkonzert von den mächtigen Kronen der Schirmakazien. Das Erwachen der Naturstimmen zur Dämmerung ist immer wieder ein faszinierendes Erlebnis. 

Nach einem Frühstück mit Blick auf den See radeln wir zurück zur Hauptstraße. Die nächsten 40 km in die Stadt Ziway stellen sich als recht anstrengend heraus. Beständiger Gegenwind macht das Vorankommen beschwerlich. Immer wieder fahren wir abwechselnd im Windschatten des Vordermanns und versuchen so etwas wertvolle Energie zu sparen.

Gegen Mittag erreichen wir dann den kleinen Ort Ziway und checken in ein einfaches Hotel mit einem schönen tropischen Garten ein. Nach einer Siesta laufen wir hinunter zum See. Schon von weitem erblicken wir die Scharren an Pelikanen und Marabus. Gemeinsam mit einem lokalen Führer fahren wir auf einem Langbaum auf den blau schimmernden See hinaus. In Ufernähe erspähen wir eine Gruppe Hippos und beobachten aus sicherer Distanz wie sie sich im Wasser tollen. Nur wenige Meter entfernt sitzen Fischer ungestört auf ihren einfachen Papyrusbooten. Die Boote werden aus drei Bündeln Papyrus zusammengeschnürt und mit einem Paddel angetrieben. 

Auf dem See gibt es fünf Inseln. Zuerst umfahren wir eine, der kleineren unbewohnten Inseln, die von einer riesigen Schar an Fischreicheren kolonialisiert wurde. Dann erreichen wir die Insel Tullo Gudo. Hier verlassen wir das Boot und laufen über einen stark überwucherten Trampelpfad zu einer kleinen Holzhütte und besuchen die einzige hier lebende Familie. Im Anschluss folgen wir weiter dem kleinen Pfad hinauf auf den oberen Teil der Insel. Vereinzelte Kühe suchen den Schatten der ausladenden alten Bäume. Mannshohe, von dichten Spinnweben umschlungene, Kakteen stehen zwischen den Felsen. Immer wieder eröffnen sich weite Ausblicke auf den See. Auf der Spitze der Insel befindet sich eine Kirche. Der Legende nach soll hier im 9./10.Jahrhundert die Bundeslade aus Axum hinverlagert und für über 70 Jahre hier aufbewahrt worden sein. Beim Abstieg zurück zum Boot fallen uns die Vielzahl an großen Spinnenarten auf, die am Ran ihrer Netze auf warten

Abends kehren wir heute in das mit traditionellen Baumaterialien im Rundhüttenstil gestaltete Restaurant „Castel-Karifitu“ ein. Nach dem abwechslungsreichen Abendessen verbringen Chewi und ich noch einige Stunde auf der Terrasse unseres Hotels und erzählen uns Geschichten. 


Rückfahrt nach Addis

Gegen neun Uhr holt uns ein Minibus vor unserem Hotel ab und wir verladen die Räder auf das Dach des Autos. Nach fast zwei Wochen im Sattel genießen wir jetzt die Fahrt im Auto, bemerken jedoch schnell den großen Unterschied in der Wahrnehmung zwischen der Radfahrer- und der Autoperspektive. Die Landschaft und die Menschen fliegen im Eiltempo an uns vorbei und nur wenige Eindrücke bleiben hängen. Gegen Mittag erreichen wir das Verkehrsgewühl der Hauptstadt. Riesige Baustellen ziehen sich entlang der weiten Vororte. Zur Zeit baut man hier an einer S-Bahn-Linie, die mehrere Stadtteile miteinander verbindet und somit helfen soll die Verkehrsprobleme etwas abzumildern.

Nach einer gefühlten Ewigkeiten erreichen wir unser Hotel. Schnell bringen wir das Gepäck in die Lobby und nehmen dann ein Taxi, das uns in ein etwas höher gelegenen Stadtteil der Hauptstadt bringt. An einer Straßenecke entlässt uns der Fahrer und zeigt in eine Richtung. In der glühenden Mittagshitze bahnen wir uns den Weg durch ein verwirrendes Netz an kleinen Pfade durch eine ausgedehnte Wellblechhüttensiedlungen. Dann erreichen wir das von hohen Eukalyptusbäumen umsäumte Gelände des Waisenhauses „Ethopia Arise“. Der deutsche Initiator und seine äthiopische Frau öffnen uns die Pforte, zu einem von hohen Natodraht, umzäunten Gelände des Waisenhauses. Er führt uns durch die Räumlichkeiten des Hauses und erklärt, dass hier zur Zeit 85 Kinder von alleinerziehenden Müttern betreut werden. Die meisten der Kinder kommen aus sehr schwierigen sozialen Verhältnissen und müssen betteln und erleiden häufig schwere Misshandlungen. In der Einrichtung gibt es Förderung für die Kindergartenkinder und drei Schulklassen die Samstags von Lehrern unterrichtet werden. Neben den Spielmöglichkeiten gibt es selbstverständlich auch ein Essraum, wo die Kinder regelmäßige Mahlzeiten erhalten. Seine Frau erzählt uns davon, dass in wenigen Tagen ein neues Projekt im Dorf Koko eröffnet werden soll. Gerade die Dorfkinder hätten selten die Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Im Büro des Hauses weist der Hausherr uns auch darauf hin, dass sein Haus wert darauf legt, dass den Kindern eine christliche Erziehung zugute kommt. Während er uns begeistert von der Güte Gottes erzählt fällt mir auf einen Stapel Informationsbroschuren zu Naturreligionen in Äthiopien auf seinem Schreibtisch auf. Interessiert blättere ich durch die Broschüre und erfahre, dass hier explizit vor den Gefahren für den christlichen Glauben gewarnt wird, die mit solchen naturorientierten Glaubensrichtungen in Zusammenhang stehen . Wir bedanken uns für den Einblick in die Arbeit der Organisation und laufen zurück in Richtung Stadtzentrum, machen jedoch noch einen längeren Stopp in der deutschen Bäckerei „Munch German Bakery“. Beim Anblick der reich drapierten Backwaren hinter der Theke läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Bei wunderbarer Schwarzwälder Kirschtorte und einer hervorragenden Tasse äthiopischem Hochlandkaffees beobachten wir das quirlige Gewusel auf den Bürgersteigen.

Nach einer längeren Mittagspause treffen sich einige von uns abends wieder in der Lobby. Chewi möchte uns heute das Nachtleben seiner Stadt näher bringen. Wir laufen durch die stockfinsteren Straßen der Stadt und beobachten wie die Menschen versuchen sich gegen die zunehmende Kälte zu schützen. Ziegen werden zusammengetrieben, Hühner gackern in den einfachen Wellblechhütten. Erst im direkten Stadtzentrum taucht wieder eine stärkere Straßenbeleuchtung auf. Chewi führt uns in eine hippe und luxuriös eingerichtete Bar. Die Damen sind hier fast ausschließlich im feinen Kostüm gekleidet und die meisten der Männer tragen Anzug. In unserer recht spartanischen Trekkingkleidung fühlen wir uns etwas underdressed aber genießen trotz alledem das gute Essen. Gegen Mitternacht machen wir uns dann auf den Weg in einen der angesagtesten Tanztempel der Hauptstadt. Auf den Gehwegen tummeln sich jetzt langbeinige Prostituierte und bieten ihre Dienste an. Der Weg führt uns an einer Baustelle vorbei, wo ein fast 15 Stockwerke hohes Bürogebäude gebaut wird. Das Baugerüst besteht aus einer Vielzahl von mit Seilen verknoteten Bambusrohren und noch immer sind Arbeiter bei schwacher Beleuchtung am arbeiten.

Dann erreichen wir den Eingang H2O-Clubs. In der Warteschlange kotzt ein junger Mann direkt neben uns auf den Boden. Die muskelbepackten Türsteher lächeln etwas amüsiert bei dem Wahl unserer Abendgarderobe winken uns dann aber freundlich hinein. Schon beim Abstieg auf der Treppe klingen uns die gewaltigen Bässe der Afrobeats entgegen. Die Tanzfläche ist bereits proppenvoll und die Menge ist im Tanzrausch. Für Stunden versinke ich in einer tiefen Ekstase und tanze bis meine Knie rauchen. Die Musik zeigt ein facettenreiches Symphonieorchester aus karibischen und diversen Afroelementen. Tief beeindruckt von den tänzerischen Fähigkeiten der jungen Äthiopier/innen verlassen wir so gegen vier Uhr die Diskothek und fahren zurück in unser Hotel.
 

Tagesausflug Addis

Aufgrund des gestrigen Tanzeinsatzes sind einige von uns doch etwas derangiert am Morgen. Ein Minibus bringt uns nach dem Frühstück ins Nationalmuseum, wo wir uns die etwa 3,2 Mio jahre alten Überreste von „lucy“, einer bei Hadar in der Danakil Ebene gefundenen Dame anschauen. Die etwa ein Meter große Frau wurde 1970 entdeckt und gehört zu der Gattung der Vormenschen. Das Gebiet des afrikanischen Grabenbruchs gehört noch heute zu den wichtigsten paläontologischen Fundplätzen der Welt. Durch die bis heute andauernden seismischen Verwerfungen treten hier Erdschichten an die Oberfläche, die normalerweise viel tiefer liegen. Nicht nur Reste der menschlichen Vorfahren, sondern auch Tiere und Pflanzen können so entdeckt werden. (vgl. Hildemann und Fitzenreiter) Im oberen Stockwerk befinden sich interessante ethnografische Funde der südlichen Stämme. Mich faszinieren hier speziell die unterschiedlichen Musikinstrumente.

Anschließend fahren wir weiter auf den großen Mercato von Addis. Er gehört zu den größten Märkten Afrikas und bietet ein breites Warenspektrum. Wir wühlen uns durch die engen Marktgässchen. Häufig werden die Waren einfach auf einem Tuch auf dem Boden ausgebreitet und farbige Tücher fungieren als Sonnensegel. Auf den bunten Tüchern stappelt sich das Plastikgeschirr aus Fernost aber auch bergeweise Elektroschrott unserer westlichen Wegwerfgesellschaft. Ein junger Mann sitzt vor einem riesigen Berg an alten Armbanduhren und bietet ein Reparaturservice an. Am nächsten Stand liegen Berge von alten Tonbandkassetten und alte Handys. In einem kleinen Sweatshop in einer Seitengasse beobachte ich wie junge Männer vor alten Computerplatinen hocken und dabei sind die Bauteile feinsäuberlich abzutrennen.

Dann steigen wir wieder in den Bus, der uns in den berühmtesten Kaffeeladen der Stadt bringt. Schon von weitem riechen wir das würzige Röstaroma der angeschlossenen Kaffeerösterei. In dem kleinen holzvertäfelten Café stehen die Menschen dicht gedrängt zusammen und trinken den starken und schmackhaften äthiopischen Hochlandkaffee. Anschließend werden wir auf die Aussichtsterasse eines Hotels gebracht. Von hier oben hat man wirklich einen eindrucksvollen Blick über die chaotisch wirkende Stadtstruktur von Addis Abebea.

Am Abend nehmen wir gemeinsam ein Abendessen in einem schicken Restaurant ein und bedanken und verabschieden uns von Chewi, der unsere Reise professionell geleitet hat.

Tagesausflug nach Debre Libanos

Um neun Uhr holt Chewi Birgit und mich mit einem Mietwagen ab. Der Freund von Chewi hat Mühe sich durch das allmorgendliche Verkehrsgewühl der Hauptstadt zu kämpfen. Ein riesiges Meer an weißen Minibussen und überladenen Überlandbussen bahnt sich wild qualmend und hupend den Weg aus der Stadt heraus. Wir verlassen die Stadt in nordwestlicher Richtung und die Strecke klettert über steile, von Eukalyptusbäumen umsäumten, Serpentinen steil hinauf. Dann erreichen wir eine fruchtbare und intensiv genutzte agrarische Hochebene. Hier offenbaren sich die endlosen Reihen von Gewächshäusern, in denen die Blumenzucht für den europäischen Markt stattfindet.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir den etwa 30.000 Einwohner großen Ort Debra Libanos. An einem Restaurant am Straßenrand entlässt und der Fahrer und zeigt auf den kleinen Pfad neben der Terrasse. Birgit und ich verlassen das Auto und folgen dem Weg für wenige hundert Meter. Große Kakteen und andere Sukkulenten stehen im kniehohen Gras. Immer wieder kommen Gruppen von wild rufenden Pavianen vorbei. Dann stehen wir plötzlich vor einer knapp 1000 Meter tief abfallenden Abbruchkante. Es eröffnet sich uns ein beeindruckender Blick auf die Schlucht des Abays (Blauen Nils). Die steilen Flussterrassen sind extrem kleinzellig parzelliert und werden landwirtschaftlich genutzt. Kleine Trockenmauerns sollen gegen die Erosion schützen. Fast 1000 Meter unterhalb funkelt das blaue Wasser des Nils in der Sonne. Anschließend trinken wir noch eine kalte Limonade auf der spektakulären Aussichtsterrasse des Restaurant. 

Danach steigen wir wieder ins Auto und fahren weiter in Richtung des Klosters. Aus dem Autofenster beobachten wir die Scharen an Pilgern, die sich den Weg hinauf zum Kloster bahnen. Dann erreichen wir die achteckige Kirche mit seiner silbernen Kuppel. Das aktuelle Gebäude stammt aus den 1950 er Jahren, da das ursprüngliche Kloster 1937 von den italienischen Besatzern niedergebrannt wurde. Die Besatzer befürchteten eine auflodernde Widerstandsbewegung und so startete man 1937 eine brutale Auslöschung ganzer Bevölkerungsgruppen. Dies betraf auch die 320 Mönche von Debre Libanos. 

Beim Betreten des Klostergeländes weißt uns ein Wächter am Tor auf die strikten Regeln hin. 1. Frauen müssen sich verschleiern, 2. Paare müssen vor dem Klosterbesuch mindestens 48 Stunden sexuell abstinent gewesen sein. Ein kleinwüchsiger, permanent grinsender und scheinbar tiefenentspannter Mönch begrüßt uns freundlich und begleitet uns in den Innenraum der Kirche. An den Wänden der Kirche sitzen verschleierte Frauen, die alle tief in die Lektüre der heiligen Schrift vertieft sind. Mich beeindrucken die reich verzierten bunten Kirchenfenster. Unser Führer erklärt uns, dass zur Zeit 84 Mönche permanent im Kloster leben. Einige von ihnen schlafen immer noch wie es die Tradition verlangt in den nahe gelegenen Höhlensystemen. Einmal am Tag gibt es eine Portion Bohnen mit Reis und den restlichen Teil des Tages verbringe man mit beten. Anschließend führt er uns in den unteren Teil des Klosters, wo sich eine Art Katakombe befindet. Dort findet gerade eine eindrucksvolle Zeremonie statt. Ältere Mönche mit dunklen Sonnenbrillen stehen in der Mitte des Raumes und singen eine Art Predigt. Um sie herum sitzen jüngere Mönche die auf riesigen Trommeln den passenden Rhythmus angeben. Birgit und ich sind tief beeindruckt von der Performance und können uns kaum mehr losreißen
 

Danach führt uns der Mönch in die Bücherei des Klosters. Hier lagern die alten Bücherschätze. Über einer uralten Bibel gebeugt erläutert unser Mönch, in wunderschön klingendem Englisch, welcher Bedeutung die Einsamkeit für die Findung der spirituellen Einheit zukommt. Wir bedanken uns für den interessanten Einblick in das Klosterleben und laufen zurück zum Auto. Gemeinsam mit Chewi und unserem Fahrer nehmen wir danach ein leckeres Mittagessen auf der Aussichtsterrasse zu uns. Beim essen beobachten wir, wie sich die Greifvögel in der Thermik über der steilen Schlucht aufsteigen lassen. Neben uns steht eine Gruppe begeisterter Vogelbeobachter, die in ihre riesigen Teleobjektive blicken um die Flugbewegungen der Tiere abzulichten. Nach dem Essen laufen wir hinüber zu einer alten Steinbrücke, die von dem Onkel des Kaisers Meneliks errichtet worden sein soll. Am Rande eines steil abfallenden Felsvorsprungs stürzt ein kleiner Wasserfall für fast 600 Meter in die Tiefe. Von hier aus eröffnet sich ein tief beeindruckender Blick auf die enge Schlucht des blauen Nils.

Auf der Rückfahrt nach Addis machen wir noch einen Kaffeestopp in einem Trainigscamp für junge Marathonläufer. Von der Außenterrasse aus beobachten wir, wie die jungen Sportler zum Trainingslauf in die umliegenden Berge aufbrechen. Laut Chewi träumen viele junger Äthiopier davon, ein erfolgreicher Langstreckenläufer zu werden.